Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Im Lehrerzimmer der Grundschule bei mir in Furtwangen hängt der folgende Spruch: „Wir dürfen junge Menschen nicht wie leere Flaschen sehen, die gefüllt, sondern wie Kerzen, die angezündet werden müssen.“

Gesagt hat das Robert Shaffer, ein amerikanischer Professor, der sich als Rektor verschiedener Schulen sehr intensiv mit Schülern und Studenten auseinandergesetzt hat.

Junge Menschen als leere Flaschen zu sehen, die man nur ordentlich mit Wissen vollstopfen muss, ist ein gängiges Lehrmodell zu allen Zeiten. Es geht davon aus, dass die jungen Menschen im Prinzip nichts können und nur darauf warten, mit unserem Lehrerwissen gefüllt zu werden.

Robert Shaffer hat aber wohl sehr deutlich gespürt, dass er so nur bedingt an seine gewünschten Ziele kommt.

Sein Ansatz ist, dass die jungen Menschen beim Lernen erkennen, was alles in ihnen steckt und was sie können. Das Wissen soll ihnen so viel Freude machen, dass sie nicht nur für die nächste Arbeit, sondern wirklich für das Leben lernen. Robert Shaffer hat viele junge Menschen dabei begleitet, er will sozusagen das Streichholz sein, dass die Kerzen entzündet, damit sie selbst brennen und Licht und Wärme geben können.

Das gilt aber nicht nur für die Schule. Es gilt auch, wenn es darum geht, den Glauben an Gott zu vermitteln. Es macht keinen Sinn, Menschen mit dem Wissen über den Glauben vollzustopfen.

Glaube muss gelebt werden. Nur dann können wir erfahren, dass er uns in unserem Leben hilft. Dass die Nächstenliebe die Basis für ein gutes Miteinander ist. Deshalb ist es mir wichtig, im Religionsunterricht über den Glauben zu sprechen, auch über Zweifel und Unsicherheiten. Denn dann geht es nicht nur um das Füllen, sondern um das Entzünden. So hoffe ich, die Freude am Glauben bei den Jugendlichen zu wecken.

Eines ist dabei aber besonders wichtig, egal ob ich mit jungen oder älteren Menschen zu tun habe. Das, was ich anderen weitergeben will, gelingt am besten, wenn ich selbst davon begeistert bin. Denn wenn mich etwas nicht interessiert, werde ich es kaum begeisternd weitergeben können.

Oder, um es mit den Worten von Augustinus zu sagen: „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.“

Pfarrer Joachim Sohn, Furtwangen, alt-katholische Kirche.

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