Manuskripte

SWR4 Sonntagsgedanken

22DEZ2019
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An Tagen wie diesen, so kurz vor Weihnachten, will ich am liebsten keine Nachrichten mehr hören. Und auch in den Sozialen Netzwerken springen mich Meldungen an, die mir die Weihnachtsstimmung ganz schön verderben können: Man könnte meinen, die Welt geht unter: Terror, Krisen, Katastrophen. Täglich. Stündlich. Vieles läuft tatsächlich nicht rund. Die Schere zwischen Kindern, die in armen und reichen Familien aufwachsen, wird größer. Und auch immer mehr Senioren stehen vor den Tafeln Schlange. Wo sind da die guten Nachrichten in dieser Zeit? Die gibt’s natürlich auch. Ich lese Statistiken zum Jahresrückblick und sehe: Es sind so viele Menschen in Arbeit wie noch nie. Die Kriminalitätsrate ist so niedrig wie lange nicht mehr. Fast jeder zweite Erwachsene ist in einem Ehrenamt aktiv für andere. Alles gute Nachrichten, die oft überhört werden. Gefühlt ist es anders. Aber oft eben nur gefühlt. Ich denke daran, dass vor ein paar Jahren „postfaktisch“ mal das „Wort des Jahres“ war. Es hätte genauso „Unwort des Jahres“ werden können. Denn das, was es bedeutet, ist alles andere als erfreulich: Postfaktisch, das bedeutet, dass Fakten in manchen Bereichen kaum noch eine Rolle spielen. Dass uns „gefühlte Wahrheiten“ ohne Hand und Fuß manchmal stärker beeinflussen, als das, was tatsächlich geschieht. Und was hat das mit Weihnachten zu tun? Ich sehe da durchaus Parallelen. „Gefühle“ und „Hand und Fuß“ und Fakten: Das Kind in der Krippe: Gott wird Mensch. Das halten viele, die das nicht glauben können, vielleicht auch für „postfaktisch“, jenseits der Fakten, ein schönes Märchen. Eine nette Geschichte. Und doch so fern vom Alltag. Aber wenn ich die Krippe nicht nur als frommes Beistellwerk zum Lametta-Baum sehe, dann ist Weihnachten alles andere als „postfaktisch“. Jesus, das Kind in der Krippe, ist nicht eine fromme Theorie, sondern tatsächlich sichtbar ein Kind aus Fleisch und Blut. Gott hat uns im wahrsten Sinn des Wortes „sein Wort gegeben“, damit wir nicht allein gelassen sind mit dem, was täglich auf uns zukommt. „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“, lese ich in der Bibel. Der Blick in die Krippe zeigt: Wie gut, dass dieses Wort Gottes, diese Zusage, eben gerade nicht „postfaktisch“ ist, sondern tatsächlich und ganz wörtlich „Hand und Fuß“ hat! Klar, das wird nicht jeden überzeugen. Nicht jeder, der einen Baum oder eine Krippe ins Wohnzimmer stellt, glaubt an das, was Christen an Weihnachten feiern. Aber Weihnachten bleibt beliebt und ist beständig. Und vielleicht gibt es doch etwas, was als Sehnsucht über Tannenbaum, Truthahn und Tamtam hinausreicht. Eine Sehnsucht, die Weihnachten wirklich werden lässt: die gute Nachricht, dass Gott Mensch geworden ist. Einer von uns.

  

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Aber wo merke ich, dass Weihnachten für mich im Alltag Wirklichkeit wird? Weihnachten konkret? „Weihnachten in drei Worten“ etwa? Was könnte das sein? Vielleicht: Geschenke, Gefühle, Geborgenheit? Oder: Lichter, Lametta und Leckereien? Vielleicht. Zumindest fällt mir das schnell ein, wenn ich mich bei manchem Tannenbaum umblicke. Da gibt’s aber auch die Weihnachtskrippe – und wenn ich genau hinsehe, dann entdecke ich da vielleicht auch einen Engel mit einem Spruchband: „Fürchtet euch nicht!“, steht da. Für mich ist DAS Weihnachten. Weihnachtsbotschaft konzentriert. Weihnachten in drei Worten: Fürchtet euch nicht! - Habt keine Angst! Sagt sich leicht. Denn manche Sorgen auch in diesen Vorweihnachtstagen sind alles andere als weihnachtlich: Da ist jemand krank in der Familie; jemand hat seine Kündigung auf dem Tisch und weiß nicht, wie es weitergeht. Und auch manche Nachrichten aus der Welt bieten statt Weihnachten eher Weltuntergang. So scheint es. Da muss ich aufpassen,  nicht abzustumpfen. Oder mich auf der anderen Seite auch nicht in Panik versetzen zu lassen. „Habt keine Angst!“ - die Botschaft der Engel zu Weihnachten: Das klingt dann vielleicht wie das Pfeifen im Wald. Aber Angst ist immer ein schlechter Ratgeber: für „besorgte Bürger“ und für die, die Entscheidungen treffen müssen. Oder wenn ich Weichen stellen will – etwa für das neue Jahr. Wie wird das? Was wird kommen? Bleibe ich gesund? Was passiert mit meiner Arbeit? Angst macht nichts besser. Lähmt. Macht hilflos. Umso wichtiger ist mir dieses Weihnachten in drei Worten: Habt keine Angst! - Fürchtet euch nicht! Ganz konkret: Ich will mich nicht von der  Sorge leiten lassen, dass ich immer zu kurz komme und alle sich gegen mich verschworen haben! Ich will mir keine Angst machen lassen von denen, die von meiner Angst profitieren, weil sie damit meine Meinung im Griff haben! Ich will mir keine Angst einreden lassen, dass ich so gar nichts tun kann für mein Glück, dass ich ausgeliefert bin dem Spiel der Macht und der Mächtigen. Oder dem Bösen, der Hölle. Ich weiß, leichter gesagt als getan! Einfacher ist es, einfachen Antworten zu glauben. Aber wirkliche Lösungen bietet das Schwarz-Weiß mir ja auch nicht. Dagegen helfen mir die drei Worte von Weihnachten: „Fürchtet euch nicht!“ Ist auch nur eine kurze Antwort, hat aber eine lange Geschichte in der Menschheit. Schon seit Jahrtausenden vertrauen Menschen darauf. Und finden dort Halt und Zuversicht, wenn sie vom Kind in der Krippe hören und lesen – und sich berühren lassen: Gott wird Mensch. Das, was Gott uns da zusagt, hat im wahrsten Sinn des Wortes Hand und Fuß. Das hilft mir auch, wenn es trotz all der Lichterketten ganz dunkel wird in meinem Leben. Denn dann kann ich glauben, hoffen und vertrauen, dass Gott einer von uns ist, mich nicht allein lässt, was auch kommen mag. „Fürchtet euch nicht!“ Dann wird Weihnachten wahr.

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