Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

„Schau, dein Himmel ist in mir.“ Diese Worte kommen in dem Lied vor, das ich Ihnen heute Morgen vorstellen möchte. Doch wie ist das gemeint? Wie kann ich den Himmel in mir haben? Er ist doch draußen, über mir! Der Dichter, der diese Worte geschrieben hat, nannte sich passenderweise Angelus Silesius – schlesischer Engel. Eigentlich hieß er Johannes Scheffler und lebte im 17. Jahrhundert in Schlesien als Arzt. Ursprünglich war er evangelisch und trat später zum katholischen Glauben über.

„Schau, dein Himmel ist in mir“: Das Gedicht, aus dem diese Zeile stammt, passt in die Adventszeit. Es beginnt so: „Morgenstern der finstern Nacht, der die Welt voll Freuden macht, Jesu mein, komm herein, leucht in meines Herzens Schrein.“

Joseph, Georg; Angelus Silesius: Morgenstern der finstern Nacht

Der Morgenstern ist ein uraltes Bild für Jesus. Jesus, der Stern, der schon hell ist, wenn sonst alles noch finster ist. In diesem Bild wird die Welt als finster angesehen, mit all ihrer Gottferne, die in Leid und Gewalt erlebt werden kann. Aber dann taucht doch ein heller Stern am dunklen Himmel auf. Im Menschen Jesus kommt Gott selbst und leuchtet in die Finsternis hinein. Der Tag ist schon zu ahnen, wenn Gott die ganze Welt hell machen wird.

Joseph, Georg; Angelus Silesius: Morgenstern der finstern Nacht

“Schau, dein Himmel ist in mir.“ Der Himmel – dort wohnt Gott. Im Himmel herrscht Jesus als König, so sagt es die Bibel. Für Angelus Silesius ist dieser Himmel nun nicht irgendwo weit weg und weit oben. Er ist in mir. Trage ich als Mensch den Himmel in mir, dann wird mich das gewiss verändern.
Menschen aus anderen Kulturen sagen, wir Deutschen seien in der Adventszeit milder gestimmt als sonst. Himmlischer vielleicht? Die Klänge und Düfte, alles, was es jetzt zu sehen und zu schmecken gibt: Vielleicht nehmen meine Sinne da schon etwas vom Himmel auf!

Joseph, Georg; Angelus Silesius: Morgenstern der finstern Nacht

Die Nacht wird hell. Jesu Glanz lacht sie an, heißt es in dem Lied. Wenn ich den Morgenstern sehe, dann ist es schon noch richtig dunkel. Doch dieser eine helle Punkt am Himmel kündigt die Helligkeit an, die bald kommen wird. Und wenn es dann wirklich Tag wird, dann geht das Licht des Morgensterns darin auf.
Jetzt im Advent richte ich mich erwartungsvoll daran aus: dass es hell wird in der Welt, auch übertragen, bildlich verstanden. Alles, was meine Sinne jetzt wahrnehmen, unterstützt mich in dieser Hoffnung. Vor allem auch die Klänge. „Ei nun, güldnes Seelenlicht, komm herein und säume nicht!“

Joseph, Georg; Angelus Silesius: Morgenstern der finstern Nacht

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Musiktitel 1:
Joseph, Georg; Angelus Silesius: Morgenstern der finstern Nacht
Interpreten: Münchner Residenzsolisten; Jonas, Tibor

Musiktitel 2 -4
Joseph, Georg; Angelus Silesius: Morgenstern der finstern Nacht
Interpreten: Singer Pur

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