Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Heute vor 56 Jahren, am 11. Dezember 1963, hatte der Film Winnetou I in den deutschen Kinos Premiere.

Er spielt in den schönsten Landschaften des ehemaligen Jugoslawien. Winnetou, der Häuptling der Apachen, und sein deutscher Freund Old Shatterhand, Pierre Brice mit schwarzen und Lex Barker mit blonden Haaren, reiten Seit an Seit in den Sonnenaufgang, neuen Abenteuern entgegen.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Deshalb fielen die Kritiken vor 56 Jahren sehr unterschiedlich aus: Ein Feld-, Wald- und Wiesentaumel von ergötzlicher Freudigkeit, sagte damals der eine Kritiker; etwas hölzern in der Darstellung, meinte der andere. Worüber nicht zu streiten ist: inmitten des kalten Kriegs zwischen Ost und West, im eskalierenden Vietnam-Krieg setzen die beiden Helden auf Versöhnung und Frieden. Sie sind Krieger, die keinen Krieg wollen. Schüsse fallen nur zur Verteidigung. Und nur ungern ballt Shatterhand seine Schmetterfaust. Stattdessen wollen sie Hände reichen und die Friedenspfeife. Natürlich kann man einwenden: so edel und gut und geradeheraus ist doch kein Mensch. Ja, zugegeben, und trotzdem: ich finde, das ist schon beeindruckend, wie die beiden, ohne von ihrem Weg nach rechts oder links abzuweichen, für Verständigung eintreten. Unerschütterlich versuchen sie den Satz der Bibel umzusetzen: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem (Rö 12, 21).

Über drei Millionen Zuschauer sind damals in die Kinos gekommen. Ein riesiger Erfolg für einen deutschen Western. Und ich denke mir heute: Was im Kinosessel richtig ist, kann im echten Leben nicht ganz falsch sein: Sind wir bereit für das Abenteuer Frieden? Wollen wir losziehen und Neuland entdecken: Gewalttätern mutig entgegentreten, energisch Versöhnung stiften, das große Ziel des Zusammenlebens aller niemals aus den Augen verlieren? Am besten geht das, wenn man nicht allein ist. Und wer sich die Hauptrolle nicht zutraut, lieber in der zweiten Reihe statt in der ersten steht – es gibt ja auch wichtige Nebenrollen. Der treue Begleiter Old Shatterhands, Sam Hawkins zum Beispiel, wenn ich mich nicht irre.

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