Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Zwei Männer sind in ein lebhaftes Gespräch verwickelt. Der eine trägt einen Turban, der andere die Tonsur eines Mönchs aus dem Mittelalter. Sultan Al-Kamil Muhammad al-Malik und der Hl. Franz von Assisi sind auf einer neuen Sonderbriefmarke abgebildet, die es seit kurzem zu kaufen gibt. Vor genau 800 Jahren haben sich die beiden getroffen. Franz von Assisi war nach Damiette in Ägypten gereist, um vor dem Sultan zu predigen und ihm die friedliebende Seite des Christentums zu vermitteln. Das ist eigentlich kaum zu glauben, denn die Kreuzfahrer waren damals gerade damit beschäftigt, die Stadt Damiette zu erobern und die meisten der Einwohner zu massakrieren. Was ihnen übrigens gelungen ist. Trotzdem sei der muslimische Herrscher so sehr von den Worten des Ordensmannes beeindruckt gewesen, dass er ihm wohlwollend zugehört habe. So berichten es jedenfalls Zeitgenossen. Am Rande dieser Orgie von Hass und Gewalt sind damals zwei Männer, Franziskus und der Sultan, über ihren eigenen Schatten gesprungen. Und haben festgestellt, dass man sich über Fragen nach Gott und dem Glauben gut unterhalten kann, ohne sich dabei oder hinterher die Schädel einzuschlagen. Genützt hat diese Erkenntnis von zwei Einzelpersonen zwar leider nichts, denn der Kreuzzug wurde nicht aufgehalten. Dennoch hat diese Begegnung eine solche Langzeitwirkung, dass man ihr in Deutschland und in Italien zum 800sten Jubiläum eine Briefmarke widmet. Viel besser fände ich es allerdings, wenn jeder, der mir heute Morgen zuhört oder eine solche Briefmarke zu Gesicht bekommt, sich etwas vornimmt: nämlich demnächst mal einen Menschen mit einer anderen Religion zu treffen. Um ihn oder sie kennen zu lernen, und das nicht nur zu Tee oder Rezeptaustausch. Vielleicht erfahren sie auch, welche Erfahrung der oder die andere mit dem Glauben und mit Gott  macht. Und dann wäre eine gute Gelegenheit auch selbst zu erzählen, wie und wo Gott in Ihrem Leben vorkommt.

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