Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Lasst uns froh und munter sein! Bald ist Nikolausabend da! Das bedeutet: Stiefel oder Teller bereitstellen, um sie morgen mit kleinen Geschenken gefüllt vorzufinden. Es heißt, der Heilige füllt sie auf seinem Weg durch die Nacht.
Bei uns zu Hause kam früher der Heilige Bischof am 6. Dezember persönlich vorbei. Mit Knecht Ruprecht als Helfer. Der trug einen Sack mit Mandarinen, Schokolade, Lebkuchen und Nüssen. Aber er hatte auch eine Rute dabei. Als Kind musste ich dem Nikolaus Gedichte aufsagen oder ihm ein Lied vorsingen. Dafür wurde ich dann mit Süßigkeiten, Obst und Nüssen belohnt. Strafen gab es nie. Aber Knecht Ruprecht, in manchen Gegenden heißt er auch „Krampus“ oder „Percht“, stand in seinem dunklen Gewand und seiner Rute mitten in unserem Wohnzimmer. Das war bedrohlich.
Als Erwachsener bin ich selbst verkleidet mit Bischofsmütze, Hirtenstab und Bischofsgewand bei befreundeten Familien als Nikolaus aufgetreten. Dann wurde das goldene Buch aufgeschlagen, darin stand, ob das Kind brav oder ungezogen war. Es gab immer beides. Lob und Tadel, Kritik und Anerkennung. Ich habe dabei oft in verängstigte große Kinderaugen geblickt. Ich habe versucht nicht zu streng, sondern nachsichtig und wohlwollend zu sein.
Aber wozu dieses Theater? Warum diese manchmal offene, manchmal versteckte Drohung mit Strafen? Wenn ich heute darüber nachdenke, fällt mir die Arbeitsteilung auf: der liebe Bischof und der grimmige Bösewicht. Der eine ist nährend und fürsorglich, der andere erscheint streng und bestraft womöglich. Gut und Böse, fein säuberlich getrennt. Brauchen wir solche Inszenierungen als pädagogische Hilfsmittel, Belohnung und Bestrafung, Zuckerbrot und Peitsche?
Ich bin überzeugt: Hochstilisierte Heilige auf der einen und Horrorfiguren auf der anderen Seite brauchen wir nicht. Keiner von uns ist nur gut oder nur böse. Der Bischof Nikolaus war das sicher auch nicht. Für mich ist der heilige Nikolaus trotzdem ein Vorbild. Für mich verkörpert er einen Menschen, der beides in sich vereint, streng und trotzdem fürsorglich. Klare Grenzen setzen und trotzdem auch Milde walten lassen. Nikolaus zeigt mir, dass eine christliche Gesellschaft ein soziales Gewissen braucht. Dass wir wach und sensibel bleiben, wenn in einer reichen Gesellschaft Kinder- oder Altersarmut immer mehr Menschen betrifft. Spenden und helfen ist gut, gerechte soziale Systeme entwickeln ist besser.

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