Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Warum tragen christliche Nonnen ein Kopftuch?“ fragt mich eine muslimische Schülerin. Sie selbst trägt Kopftuch. „Es ist doch auch aus religiösen Gründen, oder?“ Sie meint die Frage ernst. Sie fragt sich selbst, was ihr ihre eigene Religion bedeutet. Ich versuche zu antworten.
Das Nonnengewand ist seit vielen Jahrhunderten eine traditionelle Tracht. Eine Art Uniform. Nonnen aus demselben Orden tragen dieselben Gewänder. Manche leben in einem Kloster, einem abgeschiedenen Ort, und beten dort regelmäßig. Sie gehen einem Beruf nach, als Lehrerin, Krankenschwester oder in einer anderen Tätigkeit. Oft kümmern sie sich um Hilfsbedürftige und Kranke. Manche arbeiten in der Landwirtschaft oder in einem Handwerk. Viele leben statt im Kloster in kleinen Hausgemeinschaften.
Auch die Männer, Brüder oder Mönche in den Orden tragen traditionell eine Art Uniform. Besondere Eigenschaften zeigen sich bei einer Person oft an der Frisur oder der Kleidung. Das schlichte Gewand mit Kapuze oder Kopftuch zeigt, dass die Männer und Frauen Teil einer Gemeinschaft sind. Ihre Individualität ist dabei nicht so wichtig. Es geht um das, was sie für andere tun. Alle Uniformträger stellen sich erkennbar mit ihrer ganzen Person, mit ihren Stärken und Schwächen, eben so, wie sie sind, voll in ihren Dienst. Als Soldat, als Polizist, als Mitglied der Feuerwehr. Bei Nonnen und Mönchen ist es der Wunsch, ganz und gar Jesus und seiner Botschaft zu dienen.
Heute möchten hierzulande nur noch wenige Frauen und Männer Nonne oder Mönch werden. Wenn eine junge Frau sich heute entscheidet, Nonne zu werden, ist das eine freiwillige Entscheidung. Sie muss 18 Jahre alt sein, meistens auch eine Ausbildung vorweisen können. Und selbst dann gibt es für sie noch eine Art Probezeit. Als Nonne hat sie manchmal die Wahl, in der Öffentlichkeit die Nonnentracht zu tragen, oder auch nicht. Es gibt auch Nonnen in ganz normaler Straßenkleidung. Kleider machen Leute, heißt es. Oft zeigt sich in dem, was Menschen anziehen oder welchen Schmuck sie tragen, wovon sie überzeugt sind, wie sie gerne leben möchten. Gott sei Dank sind wir in Deutschland so frei, dass jeder, wenn er es will, öffentlich seine Lebenseinstellung zeigen darf.
Die junge Muslima hat sich für die Erklärungen bedankt. „Und was bedeutet es für sie, Kopftuch zu tragen“? habe ich sie dann gefragt. Ob sie sich vorstellen kann, dass wir im Unterricht darüber reden?

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