Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Vor unserem Fenster steht eine große Linde. Das ganze Jahr über ein wunderbarer Anblick, den ich nie leid werde. Vielleicht hatte Christian Morgenstern auch so einen Baum vor der Haustür. Denn er fragte sich einmal: "Warum erfüllen uns Gräser, eine Wiese, eine Tanne, mit so reiner Lust?“ Und seine Antwort: „Weil wir da Lebendiges vor uns sehen, das nur von außen her zerstört werden kann, nicht durch sich selbst. Der Baum wird nie an gebrochenem Herzen sterben und das Gras nie seinen Verstand verlieren. Von außen droht ihnen jede mögliche Gefahr, von innen aber sind sie gefeit.

Genau das ist der Unterschied zwischen der Linde und mir. Von außen droht ihr jede mögliche Gefahr: Orkanböen, nasser Schnee in Mengen, Blitzeinschläge und Menschen, die etwas gegen zu große, alte Linden haben, weil ihre Blätter schon mal dahin fallen, wo sie nicht erwünscht sind. Aber: Die Linde vor dem Fenster, wie Morgenstern sagt, „kann sich nicht selber in den Rücken fallen“. Sie hadert nicht mit sich, sie bereut nichts, sie kann sich nicht selbst ruinieren. Sie kann nicht unsicher werden und am Sinn ihres Lebens zweifeln. Sie kann sich selbst ihr Lindenleben nicht schwer machen. Da kann ich als Mensch nur neidisch werden.

„Wenn es möglich wäre“, träumte Christian Morgenstern weiter, „würde ich mich jeden Tag in eine besondere Form tierischen oder pflanzlichen Lebens verwandeln. Ich wollte nacheinander alle Formen von Blumen und Blüten annehmen; Kräuter, Dornen und Rosen sein oder ein tropischer Baum.. " Für Morgenstern verband sich damit auch der Wunsch, einfach glauben zu können. „Was tut die Blume wohl mit Gott? Sie lässt sich Gott gefallen. In der Blume als Blume träumt Gott seinen schönsten Traum, da widerstrebt ihm nichts.“ Im Vergleich dazu ist der Mensch ein widerborstiges Geschöpf, in sich zerrissen, nachdenklich, und durch seinen Geist alles in Frage stellend. Und zu seinem eigenen Schaden auch Gott. Morgenstern war überzeugt: „Wer Gott aufgibt, der löscht die Sonne aus, um mit einer Laterne weiterzuwandeln.“ Darum lieber Blume sein, die Linde vor dem Haus oder ein tropischer Baum. Aber das klappte bei Morgenstern genauso wenig wie bei mir. Zum Glück gibt es den tröstlichen Anblick von Gräsern und Wiesen, von Linden und Tannen.

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