Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Adventskalender in allen Variationen, kistenweise Engel, Adventsmüsli in Adventsboxen – braucht es das wirklich für eine stimmungsvolle Adventszeit?

Mir genügen vier Kerzen, ein bisschen Tannengrün und das Lied: „Macht hoch die Tür.“ So wie damals in der Schulzeit. Advent, das war eine wunderbare Schonfrist, in der der Schultag ausnahmsweise mit Stille, Adventkranz, Kerzen und dem Ohrwurm „Macht hoch die Tür“ begonnen wurde. Den Text dieses schönen Adventsliedes habe ich damals überhaupt nicht begriffen, aber Adventsstimmung muss man nicht begreifen. Dass mit dem „Herrn der Herrlichkeit“ Jesus gemeint war, das hatten wir im Religionsunterricht gelernt. Und dass er Heil und Segen, Freud und Wonne mit sich bringt, das hatte man ja schon als kleines Kind begriffen. Denn schließlich läuft Advent auf Weihnachten hinaus, und das hieß: unter dem Weihnachtsbaum sehr reale Geschenke.

Doch geheimnisvoll blieb dieses Lied, das wir so oft gesungen haben, immer. Auch, weil ich die letzte Zeile: „Derhalben jauchzt, mit Freuden singt, Gelobet sei mein Gott“ , über Jahrzehnte konsequent missverstanden habe. Das lag an dem altertümlichen Wörtchen „derhalben“, heute würde man „deshalb, darum“ sagen. Aber ich stellte mir Jesus vor, dem ein halber Jauchzer genügt um ihn mit ganzer Freude zu singen, quasi ein Vorbild an Bescheidenheit und Genügsamkeit. Die Unklarheit der Worte dieses Liedes tat seinem Reiz keinen Abbruch. Im Gegenteil. Advent war: „Macht hoch die Tür“. Advent in der Schule war: Eine kurze Schonfrist, bevor es ernst wurde, die Vokabeln abgefragt, das Biologieheft kontrolliert und der Mathetest geschrieben wurde.

Im weichen Kerzenwachs pulen, mit den Tannennadeln in der Flamme ein Minifeuerwerk veranstalten, und sich im Duft verbrannter Tannennadeln an die Kindheit erinnern - das ist Advent. Die Kerzen am Adventkranz sind sowieso immer das Beste. Vielleicht weil sie ein bisschen an Stromausfall erinnern, die Ausnahmesituation in unserer Zeit, wenn auf einmal nichts anderes da ist, um Licht ins Dunkel zu bringen.

Also genau genommen braucht es nicht mehr: als Kerzen am Adventskranz, ein bisschen Zeit, und „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit...“. Mit dem schönen Vers am Ende: „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, mein Herzens Tür dir offen ist. Ach zieh mit deiner Gnade ein, dein Freundlichkeit auch uns erschein.“ Und das wünsche ich Ihnen und mir: dass wir im Kerzenschein etwas von Gottes Freundlichkeit spüren.

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