Manuskripte

SWR3 Gedanken

„Herr Weimer, Sie sind ein Ehrenmann.“ In der Schule hat mich ein Schüler so genannt. Ich war zuerst überrascht. Ich wusste zwar, was er meint. „Ehrenmann“ beziehungsweise „Ehrenfrau“ war das Jugendwort des vergangenen Jahres. Und mit „Ehrenfrau“ oder „Ehrenmann“ meinen Jugendliche freundliche Menschen, Leute, die Gutes tun.

Überrascht war ich, weil mich noch nie jemand „Ehrenmann“ genannt hat. Und ich selber rede auch niemanden so an. Wenn ich „Ehren…“ höre, ergänze ich in Gedanken als erstes „… amt“. Also „Ehrenamt“. Als Gemeindepfarrer wäre ich nämlich verloren ohne die, die ein Ehrenamt übernehmen. Sie kochen Kaffee, bereiten Konzerte, Seminare und Feste vor oder sammeln für diejenigen, die Hilfe brauchen. Sie entscheiden auch mit, wenn es um einschneidende Maßnahmen wie Renovierungen im Gemeindehaus geht.

Das ist in Sportvereinen, Musikvereinen und sonstigen Vereinen ja genauso. Viele engagieren sich auch außerhalb von Vereinen. Kümmern sich um kranke Nachbarn, oder um die Bäume, die vor ihrer Wohnung stehen, einfach so. All das ist unbezahlbar und ich würde sagen: Das Ehrenamt ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält.

Deswegen hat es mich nachdenklich gemacht, als der Schüler mich „Ehrenmann“ genannt hat. Und ich habe mir vorgenommen, meine Sprache zu ändern. Ich will die, die sich engagieren, nicht mehr nur als „Ehrenamtliche“ bezeichnen. „Ehrenfrau“ oder „Ehrenmann“ klingt besser, finde ich. Da kommt mehr Anerkennung rüber. Ich werde mal testen, wie Ehrenamtliche reagieren, wenn ich sie Ehrenfrau oder Ehrenmann nenne.

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