Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

06DEZ2019
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Wie sicher kann man sich 2019 als Jude noch in Deutschland fühlen? Diese Frage hat mich dieses Jahr sehr beschäftigt. Ich meine so ein bisschen lief die Frage schon länger mit. Aber mit dem Anschlagsversuch in Halle an der Saale wurde es dann richtig drängend. Deshalb beschäftigt mich in diesem Advent ein Adventslied ganz besonders: Die Nacht ist vorgedrungen von Jochen Klepper.

Jochen Klepper hat dieses Gedicht 1937 geschrieben. Er hat die Dunkelheit gesehen und vor allem gespürt. Beklemmend und bedrückend. Er selber war kein Jude, aber seine Frau Johanna schon. Das wurde in der Nazizeit nicht akzeptiert und sie sollten sich scheiden lassen. Das hat Jochen Klepper aber nicht gemacht. Deshalb war ihm klar, dass die Deportation der Familie ins KZ unmittelbar bevorstand. Und in der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 1942 hat er sich deshalb zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter das Leben genommen.

Für mich ist die ganze Geschichte weit weg. Ich bin erst fast vierzig Jahre später geboren worden. Und doch fröstelt es mich bei dem Gedanken, dass sich jüdische Menschen wieder Sorgen machen müssen. Dass Jugendliche lieber auf ein jüdisches Gymnasium gehen, weil sie Angst vor allgemeinen Schulen haben. Und ich kann es einfach nicht verstehen.

„Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern. Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.“ Das ist die erste Strophe von Jochen Kleppers Lied.

Für ihn war das ein klares Bild seiner Zeit. Und doch: Dunkelheit: Ja. Aber Gottverlassenheit: Nein. Im Gegenteil! Denn: „Der Tag ist nicht mehr fern.“ Gott ist da. In der Dunkelheit. In der Gefahr. In der Ausweglosigkeit. In der Einsamkeit.

Mich beeindruckt dieser Glaube und dieses Vertrauen. Klepper wusste, dass ein neuer Tag kommen wird. Dass alles anders werden wird. Er wusste aber auch, dass es noch dauern wird.

Weinen – und trotzdem froh mit einstimmen. Das heißt für mich. Aufmerksam bleiben, für das, was um mich herum passiert. Aber nicht resigniert. Nein. Meinen Mund

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