Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Schönster Herr Jesu,
Herrscher aller Herren,
Gottes und Marien Sohn,
dich will ich lieben,
dich will ich ehren,
meiner Seele Freud und Kron.

Alle die Schönheit
Himmels und der Erden
ist gefasst in dir allein.
Keiner soll immer
lieber mir werden
als du, liebster Jesu mein.

Schön ist der Monde,
schöner ist die Sonne,
schön sind auch die Sterne all.
Jesus ist feiner,
Jesus ist reiner
als die Engel allzumal.

Schön sind die Blumen,
schöner sind die Menschen
in der frischen Jugendzeit.
Sie müssen sterben,
müssen verderben,
Jesus bleibt in Ewigkeit.

Schönster Herr Jesu,
bei uns gegenwärtig
durch dein Wort und Sakrament,
Jesu, dich bitt ich:
Herr, sei uns gnädig
jetzt und auch am letzten End.

 

Schön sein. Das will jeder. Andere sollen einen attraktiv finden. Das eigene Erscheinungsbild hilft oft, um aufzufallen und beliebt zu sein. Weil der erste Eindruck, den wir machen, so eine große Rolle spielt. Und weil wir damit automatisch etwas Gutes verbinden, wenn wir sagen: Der oder die oder das ist schön.
Im Lied zum Sonntag heute geht es auch um Schönheit. Allerdings um eine ganz andere.

 

Schönster Herr Jesu,
Herrscher aller Herren,
Gottes und Marien Sohn,
dich will ich lieben,
dich will ich ehren,
meiner Seele Freud und Kron.

 

Das Lied Schönster Herr Jesus, Herrscher aller Herren taucht erstmals in Münster auf, in einem Manuskriptheft aus dem 17. Jahrhundert. Sein Verfasser ist unbekannt. Er muss aber zum Schülerkreis des Jesuiten Friedrich Spee gehört haben. Wie bei ihm zeigt sich in diesem Lied sehr deutlich sein großes Anliegen: den Glauben zu verinnerlichen. Im Herzen dessen, der das Lied singt, eine tiefe Verbindung mit Gott, mit Jesus Christus zu erzeugen. Jetzt wird schon klarer, weshalb Jesus als schön bezeichnet wird. Dass damit eben nicht sein Äußeres, sein Gesicht oder seine Gestalt gemeint sein kann. Jesus ist schöner als alles, was es sonst auf der Welt gibt, schöner als alles, was Gott gemacht hat, auf der Erde, im weiten Raum des Kosmos. Ja, sogar bei Gott selbst, in der anderen Welt, in die Christen einmal zu kommen hoffen, nach ihrer Erdenzeit, gibt es nichts Schöneres als Jesus. So charakterisiert ihn das Lied.

 

Alle die Schönheit
Himmels und der Erden
ist gefasst in dir allein.
Keiner soll immer
lieber mir werden
als du, liebster Jesu mein.

 

Es gibt in der Kunst viele Versuche, das Antlitz Jesu und seine Gestalt abzubilden. Wobei die Künstler auch dem Ideal ihrer jeweiligen Zeit gefolgt sind, was Schönheit angeht. So wie wir das heute auch tun. Schlank ist schön. Und glatt ist schön. Und jung ist schön. Albrecht Dürer zum Beispiel malt 1500 das ebenmäßige Gesicht eines Mannes mit schulterlangem gelocktem Haar. Und er gibt Jesus sein eigenes Aussehen. Dürer malt tatsächlich Jesus als Selbstbildnis. Das ist mehr als gewagt, beinahe eine Blasphemie. Ob unser Lied einer so krassen Annäherung von Gott und Mensch etwas entgegenhalten will?

 

Schön sind die Blumen,
schöner sind die Menschen
in der frischen Jugendzeit.
Sie müssen sterben,
müssen verderben,
Jesus bleibt in Ewigkeit.

 

Hier im Lied aus der Mystik der Barockzeit geht es um eine Schönheit, die nicht an der Oberfläche hängen bleibt. Wie lässt sie sich charakterisieren? Jesus ist grausam gestorben, gekreuzigt, eine Schande. Vorher haben sie ihn geschlagen und verwundet. Wenn wir bei Jesus von Schönheit sprechen, dann gehört das dazu. Dass das Leben nicht immer geradeaus geht. Dass wir Ecken und Kanten und Falten haben. Dass eben nicht immer alles glatt läuft, auch wenn uns die Schönheitsideale unserer Zeit das einreden wollen. Jesus - sagt das Lied - ist gerade dadurch schön, dass er ein echter Mensch geworden ist. Der Mensch ist nicht perfekt. Und seine wahre Schönheit, die entdeckt man wohl erst, wenn man in ihn hineinsieht. Das gilt bei Jesus und es gilt für jeden Menschen.

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