Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Zum Geburtstag bekam ich eine Wanderung mit Alpakas geschenkt. Ich war entzückt von der Vorstellung mit diesen flauschigen Gesellen einen Ausflug zu machen.

Als es soweit ist, bekomme ich die Alpaka-Stute „Ginger“ zugeteilt. Ginger und ich gehen am Ende der Karawane von etwa 25 Personen und Tieren.

Irgendwann bin ich dann allerdings mit Ginger ganz allein. Sie muss mal auf Toilette. Und das dauert bei Alpakas – wie ich an dem Tag lerne – sehr lange. So stehen wir zwei am Fuß eines längeren Anstiegs und ich warte. Langsam verschwindet die Gruppe aus meinem Blickfeld. Ich werde unruhig. Ginger stört das nicht. Der Leiter der Veranstaltung hat zu Beginn gesagt: Nicht fest an der Leine ziehen! Daher rede ich auf sie ein: „Wir müssen jetzt sofort weiter!“ Interessiert sie nicht. Also stehe ich einfach da. Mitten im Wald – nur in Gesellschaft von Ginger. Als ich mich gerade in mein vermeintliches Schicksal füge, strafft sich plötzlich die Leine an meiner Hand. Ginger schaut mich an. Es sieht fast aus als wolle sie mich fragen: „Warum stehst du hier rum? Wir müssen weiter!“

Mein Alpaka kennt die Strecke, mit erhöhtem Tempo holen wir die Gruppe schnell wieder ein. Ich bin erleichtert, fix und foxi, habe aber Ginger gegenüber ein schlechtes Gewissen.

Denn ich habe wohl gedacht: Ich habe die Lage im Griff, weiß, wo es langgeht und mein Alpaka zottelt einfach mit. Ich habe mich zu wenig auf das Tier selbst eingelassen, auf seine Bedürfnisse. Und schließlich kam mir nicht in den Sinn, dass Ginger die Strecke viel besser kennt als ich. So stand ich mir einfach mal wieder selbst im Weg.

Dabei fühlte es sich gut an als sich die Leine in meiner Hand straffte und ich das Gefühl hatte: Ich muss nicht alles selbst machen. Ich kann auch einfach Andere mal machen lassen – ihnen vertrauen, dass es gut werden wird. Als Kind habe ich gelernt zu vertrauen. Da fiel mir das leichter.

Jetzt als Erwachsene muss ich mich oft erst daran erinnern. Aber ich finde, es lohnt sich, denn es ist ein tolles Gefühl: Vertrauen – und sich einfach mal an die Hand nehmen lassen.

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