Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Manche Mauern müssen weg. Die in Berlin zum Beispiel – die musste weg. Eine Wand zog sich mitten durch die Stadt – rund dreißig Jahre lang. Zerschnitt Stadtteile, Straßenzüge und Häuser. Teilte auf in Ost und West, in Gut und Böse. „Antifaschistischer Schutzwall“ war sie den einen, bloße „Schandmauer“ den anderen, ein Gefängnis den dritten. Ein Todesstreifen mit Stacheldraht, Scharfschützen und Selbstschussanlagen. Viele, die sich mit dieser Grenzziehung nicht abfinden wollten, blieben darin hängen, blieben liegen. Diese Mauer musste weg – unbedingt.

Gewiss: Manche Mauern sind auch sinnvoll. Kleine Grenzmarkierungen zum Beispiel, die Bereiche abstecken, innerhalb derer man sich zuhause und geborgen fühlt. Eine Welt so ganz ohne Grenzen fände ich – glaube ich – nicht erstrebenswert. Völlig offene Grenzen bedeuten ja immer auch Schutzlosigkeit. Und Ängste solcher Art erleben wir in diesen Zeiten zur Genüge.

Es gibt Grenzen, die markieren Schutzräume, zäunen ein, was langsam an Lebensgewohnheiten gewachsen ist – so wie die Umfriedung eines Beets im Garten die Pflanzen dort schützt. Solche Grenzen wollen nicht einsperren, aussperren oder Begegnung verhindern. Sie weisen nur Schutzräume aus. Und solche Grenzen verdienen Beachtung.

Freilich, sie werden auch nicht auf Tod und Leben verteidigt. Sie werden nicht massiv und undurchdringlich hochgemauert, sondern überschaubar gehalten. Sie lassen sich öffnen und passieren.

Manche Mauern sind sinnvoll, manche müssen weg. Und manche Mauern bleiben einfach, ob man will oder nicht. Sie erweisen sich als ausgesprochen hartnäckig, lassen sich nicht mit Hammer und Meißel bearbeiten, lassen sich auch nicht so einfach niederreißen.

Vorurteile zum Beispiel und alt eingesessene Meinungen darüber, wie die anderen sind – die da „drüben“, die „Ossis“, die „Wessis“, die „Besserwessis“. Vielleicht braucht es zwei, drei Generationen, um Menschen an eine Mauer aus Stein zu gewöhnen, und dann drei oder vier Generationen, um die Mauern von Vorurteilen wieder Schicht für Schicht abzutragen.

Der Vereinigungstaumel vom 9. November 1989 endete im Kater danach. Und es kursierte das böse Wort von der Mauer, die wieder her muss. Nein, sie darf nicht wieder her, diese Mauer! Nieder mit dem Beton zwischen den Häusern und Gärten! Weg mit dem Beton in den Köpfen!

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