Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

„Gibt es noch Grenzen?“, so sinniert ein durch Berlin brausender Chauffeur in Wim Wenders Film „Der Himmel über Berlin“. Er hat eine Limousine aus Vorkriegstagen an den Drehort zu einem Film zu überführen und macht sich während der Fahrt so seine Gedanken.

Mich hat der Film „Der Himmel über Berlin“ schon immer fasziniert. Ich empfinde ihn als prophetisch, in mancherlei Hinsicht. 1987 in die deutschen Kinos gekommen erzählt er eine Story in der damals noch geteilten Stadt – und resümiert dabei, so ganz nebenbei, die deutsche Geschichte seit 1945. Die unüberwindliche innerdeutsche Grenze, die Mauer, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Nur zwei Jahre später ist diese Mauer, ist die Teilung Deutschlands Geschichte.

Ein besonderes Erlebnis war für mich die Aufführung des Films während des Berliner Kirchentags im Juni 1989 samt einer Diskussion mit dem Regisseur Wim Wenders. Die Zeichen der Zeit standen auf Wandel. Wenige Wochen später besetzten DDR-Bürger die Prager Botschaft, drängten auf Reisefreiheit. In Leipzig und anderen ostdeutschen Städten kamen im Herbst DDR-Bürger zu Friedensgebeten zusammen und demonstrierten anschließend zu Tausenden für politische Freiheiten. Im November fiel die Mauer in Berlin und anderswo.

Wenn ich den Film heute sehe, entdecke ich andere, ebenso aktuelle Zeitansagen, denn manche Grenzen blieben oder kehrten zurück. „Gibt es noch Grenzen? Mehr denn je“, sagt der Chauffeur aus „Der Himmel über Berlin“, und weiter: „Zwischen einzelnen Grundstücken gibt es Niemandslandstreifen, getarnt durch eine Hecke … Jeder Hausherr nagelt sein Namensschild als Wappen an die Tür … Das deutsche Volk ist in so viele Kleinstaaten zerfallen, wie es einzelne Menschen gibt.“

Eine prophetische Botschaft: In einem grenzenlosen Deutschland oder Europa richten Menschen immer neue Grenzen zwischen sich auf – Grenzen der Mentalität, der Herkunft und Kultur, Grenzen des Eigentums, der Gesinnung und des Lebensstils. Und es bedarf eines neuen Aufbruchs über die individualistische Kleinstaaterei hinaus. Das geht nicht ohne Offenheit und Vertrauen, ohne Empathie für den anderen und Interesse am anderen. Oder um es mit den Worten Jesu zu sagen: Es geht nicht ohne eine Nächstenliebe, die nicht schon an Nachbars Garten ihre Schranken findet, sondern sich zu einer „Fremdenliebe“ weitet.

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