Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Ich erinnere mich noch gut daran, wie sie die Züge durchpflügten, die DDR-Grenzpolizisten mit ihren Stempel-Tornistern. Anfang der 1980er Jahre war das. Damals habe ich in Berlin studiert. Und jedes Mal, wenn ich von zuhause in Stuttgart mit der Bahn nach Berlin fuhr oder zurück, musste ich zweimal die innerdeutsche Grenze passieren, bei Probstzella in Nordbayern, und dann wieder kurz vor Berlin in Griebnitzsee.

Eine halbe Weltreise. Viele Stunden unterwegs. Lange Wartezeiten an den Grenzbahnhöfen – auch deshalb, weil sie mit Spiegeln unter die Waggons schauten und mit Hunden am Bahnsteig entlang patrouillierten. Die Grenzpolizisten kamen dann irgendwann in die Abteile, auch mitten in der Nacht, und kontrollierten die Papiere.

Zwei Grenzüberquerungen auf einer Fahrt von Stuttgart nach Berlin! Heute kaum noch vorstellbar, zumal in einem Europa ohne Grenzen. Zweimal über eine innerdeutsche Grenze! Für mich als westdeutscher Student in Berlin lief das problemlos. Für andere waren diese Grenzen absolut unpassierbar – wie Gefängnismauern. Die gesamte DDR – ein einziges Staatsgefängnis!

Als junger Student fand ich das kurios, aber auch normal. Ich kannte nichts anderes als ein geteiltes Deutschland. Später bin ich aufgewacht, konnte mehr und mehr nachempfinden, was es bedeutet, wenn man sich frei bewegen kann und wenn das eben nicht der Fall ist.

Reisefreiheit, Freizügigkeit in der Suche von Lebensorten und Arbeitsmöglichkeiten, ungehinderte Besuchs- und Begegnungsmöglichkeiten mit anderen Menschen – das sind hohe Güter und politische Errungenschaften in einem geeinten Deutschland und vereinten Europa. Wer das leichtfertig aufs Spiel setzt, kennt die Geschichte nicht und hat vom Wesen des Menschen wenig verstanden.

Auch das christliche Menschenbild kennt diese Art von Freiheit. Die Gemeinden Jesu Christi sind von Anfang an internationale und multikulturelle Begegnungsorte. Da ist niemand mehr darauf festgelegt, woher er stammt. Der Apostel Paulus, selbst Weltreisender in Sachen Evangelium, hat es vor 2000 Jahren so formuliert: „In Christus gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Juden und Griechen, zwischen Sklaven und Freien“, sondern nur noch diejenigen, die die universale Sprache des Evangeliums Jesu hören.

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