Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Von Kindern kann man viel lernen, wenn es um Entscheidungen geht.

Jedenfalls, wenn man sie nicht unter Druck setzt, so wie ich das getan habe, bei meiner Tochter...

Das ist lange her; sie war noch sehr klein – aber alt genug, um mit dem Schnul-ler aufzuhören, fand ich. Die Leute haben ja schon Bemerkungen gemacht:

„Na, schon so groß - und immer noch einen Schnuller?“

Aber alles Reden hat nichts genutzt. Sie wollte ihn nicht hergeben.

Also habe ich ihr eines Tages lang und breit erklärt, warum das jetzt aufhören müsse. Und hab alle Schnuller eingesteckt.

Der Tag verlief noch ganz passabel, aber als es ans Schlafen ging, hat sie so lange und so herzerweichend geweint, dass ich ihr am Ende den Schnuller zurückgegeben habe. Und mir geschworen habe, dass sie ihn meinetwegen behalten soll, bis sie 20 ist... 

Ein paar Monate später kommt sie mit einem Bündel in die Küche und wirft es grimmig in die Mülltonne.

„Was war denn das...?“ frage ich verwundert.

„Kannst ja gucken“, sagt sie.

Ich schaue nach: Da liegen sämtliche Nuckeltücher, und in der Mitte, fein säuberlich zerschnitten, alle Schnuller, die sie finden konnte.

An diesem Abend hat sie nicht geweint. Sie hatte ja selbst die Entscheidung getroffen. Und um nicht rückfällig zu werden, hat sie die Schnuller auch gleich noch zerstört. – Das nenne ich eine klare und vorausschauende Entscheidung! Da könnte ich mir heute noch manchmal eine Scheibe von abschneiden. 

Ich schiebe unangenehme Entscheidungen nämlich oft lange vor mir her.

All diese ärztlichen Untersuchungen, zum Beispiel: Haut-Screening, Zahnärztin, Mammographie... - Gut, die habe ich dann doch irgendwann erledigt.

Aber die Darmspiegelung, die steht eigentlich schon seit drei Jahren wieder an. Ich müsste nur anrufen und einen Termin festlegen. - Das ist sozusagen mein „zerschnittener Schnuller“. Denn wenn ich mal einen Termin gemacht haben, dann steht die Sache für mich fast. Dann gibt es kein Zurück. - Aber Sie glauben ja gar nicht, wieviel Gründe mir jedesmal einfallen, den Hörer doch nicht in die Hand zu nehmen...  

Aber, wo ich schon darüber spreche – vielleicht ist ja heute der Tag!

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