Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

„Ordnung ist das halbe Leben.“ Wenn ich mir meinen Schreibtisch anschaue, fällt mir dieser Satz ein. Da liegt sehr oft ziemlich viel durcheinander: Unterlagen, Papier, Stifte, Briefumschläge, zwischendrin steht noch eine Kaffeetasse. Ich brauche das, sage ich immer. Mein kreatives Chaos.

Andere sehen das anders. Manchmal fragt mich jemand: Hier kannst du arbeiten? Ich könnte das nicht.

Ich kann das, weil mein Chaos auch irgendwie eine Struktur hat. Aber grundsätzlich merke ich, dass eine gewisse Ordnung das Leben einfacher macht. Ich mag es zum Beispiel nicht, wenn im Supermarkt die Regale neu sortiert sind. Ohne die gewohnte Ordnung fängt dann die Sucherei an und alles dauert viel länger.

„Ordnung ist das halbe Leben.“ Es gibt Regeln und Maßeinheiten, Systeme für Ablage, Ordner in verschiedenen Farben. Alles lässt sich irgendwie ordnen und sortieren.

Aber dennoch. Wenn Ordnung das halbe Leben ist, was ist dann die andere Hälfte? Unordnung? Chaos?

Egal welche Antwort ich darauf gebe, eine Hälfte bleibt übrig. Eine geordnete Hälfte und dann die andere. Das finde ich schön. Das bedeutet doch, dass das Leben mehr als nur Ordnung ist.

Im biblischen Buch der Weisheit wird Gott der Schöpfer dafür gelobt, dass er alles „nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet“ hat. Aus einer großen Unordnung, einem Tohuwabohu hat er eine Ordnung geschaffen. Gott ordnet also. Nicht weil er ein Ordnungsfanatiker wäre. Gott schafft einen Rahmen, ein Gerüst. Das gibt Stabilität, lässt aber gleichzeitig auch sehr viel Raum, sich innerhalb dieses Rahmens frei zu bewegen und zu entfalten. Gott macht keine halben Sachen. Mit seiner Ordnung schafft er einen sinnvollen Rhythmus des Lebens, ein friedliches Miteinander.

Gottes Ordnung hat das ganze Leben im Blick. Und ich denke mir: Weil alles schon so gut geordnet ist, reicht es, wenn ich halbe Ordnung halte und den Rest vom Leben lebe. So wie es gerade kommt. Mal total strukturiert, mal total chaotisch. Aber damit kann ich umgehen. Weil nämlich Gottes Ordnung mir Halt und Sicherheit gibt.

Und so sitze ich an meinem Schreibtisch und freue mich. Über Gott. Und über mein Chaos. Beides zusammen macht mein Leben gut.

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