Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

„Man zeigt nicht mit dem Finger auf andere Leute!“ So habe ich vor kurzem meine Kinder ermahnt. Und natürlich ist sofort die berechtigte „Warum-Frage“ gekommen. Ja, warum macht man das eigentlich nicht? Und warum man? Und nicht ich?

Also, warum soll ich nicht mit dem Finger auf andere Leute zeigen? Selbst dann nicht, wenn ich mich richtig über sie ärgere, ihr Verhalten mich stört, ihre Aussagen nicht meine sind? Aus einem einfachen Grund: Wenn ich mit einem Finger auf die anderen zeige, zeigen vier Finger auf mich selbst zurück.

Aus diesem einfachen Grund versuche ich es zu vermeiden, einfach so auf das Verhalten anderer hinzuweisen, das mir nicht gefällt. Vielmehr versuche ich mich so zu verhalten, dass andere keinen Grund haben, auf mich zu zeigen.

Das ist nicht einfach. Bedeutet es doch, dass ich sorgsam darauf achte, welche Worte ich wähle, was ich schreibe, denke und wie ich handle.

Eben nicht den einfachen Weg gehen und auf die anderen schauen, was die alles falsch machen, sondern für die anderen so leben, dass sie gerne auf mich schauen.

Der Apostel Paulus hat diesen Gedanken auch mal seiner Gemeinde in Rom geschrieben. Er hat den Menschen damals folgenden Rat gegeben. „Lasst uns aufhören, uns gegenseitig zu verurteilen! Achtet vielmehr darauf, den Bruder oder die Schwester nicht zu Fall zu bringen. Gebt ihnen auch keinen Grund, Anstoß zu nehmen.“ (Römer 14,13, Basisbibel)

Darum geht es: Nicht die Fehler der anderen suchen und sie ihnen dann brühwarm unter die Nase reiben. Sondern selbst so zu leben, dass mein Verhalten nicht anstößig ist. Und noch mehr: Ich soll nicht nur nicht mit dem Finger zeigen, sondern die anderen an die Hand nehmen, die Hilfe brauchen. Den anderen zur Seite stehen und sagen: Komm, ich helfe Dir. Dir fällt das nicht leicht. Ich kann das. Aber kannst Du mir dafür bei was anderem helfen. Das fällt mir nämlich schwer.

Und dann – so stelle ich mir vor – zeigen wir nicht mehr mit den Fingern einer auf den anderen. Sondern wir reichen uns die Hände. Um zu helfen, um zu unterstützen und um miteinander besser zu leben. So hat dann nicht nur ein Finger eine Aufgabe, sondern alle gemeinsam.

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