Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

Beim Autofahren rege ich mich gerne mal auf. Meistens über andere. Das ist ja klar. Manchmal auch über mich. "Sag mir, wie du Auto fährst, und ich sage dir, wie du bist." Ich kenne viele, über die man das sagen kann. Über mich sicher auch.

 „Sage mir, wie du Auto fährst, und ich sage dir, wie du bist.“ Im Straßenverkehr kann man Menschen kennen lernen, finde ich. Feststellen, wo sie ein Problem haben.

Ich entdecke genauer gesagt zwei Probleme: Egoismus und Rücksichtslosigkeit. Denn komisch: Meistens hat der andere Vorfahrt, auch wenn das Straßenschild etwas anderes meint. Als ob das Auto eine eingebaute Vorfahrt hätte.

Da hupt der junge Vater die ältere Dame an und der Krawattenträger zeigt der Fahranfängerin den Vogel. Das beobachte ich oft. Unabhängig vom Outfit der Fahrer und der Automarke. Und ich erwische mich dabei, dass ich da auch mitmache. Da quetsche ich mich auch noch schnell an den geparkten Autos vorbei und ärgere diejenige, der ich damit die Vorfahrt nehme und wenige Minuten später rege ich mich auf dem Parkplatz auf, weil ein Auto über zwei Lücken geparkt hat

Aber eigentlich gefällt mir das nicht. Und so habe ich mir vorgenommen, mich an wieder verstärkt an einer anderen Regel zu orientieren. An einer, die auf Jesus zurückgeht, die er zwar so nicht formuliert, aber doch gemeint hat: „Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ In diesem Sinne könnte ja auch gelten: „Sag mir, wie du Auto fährst, und ich sage dir, wie du bist.“

Das klingt nicht nur besser, sondern das fühlt sich auch besser an. Da bin ich mir ganz sicher. Und ich will es jetzt immer wieder ausprobieren. Ich fange beim Autofahren an, dränge mich nicht mehr vorbei, sondern warte, so wie es sich gehört. Und dann warte ich mal ab, was passiert. Vielleicht lächelt mir der entgegenkommende Autofahrer ja zu. Das wäre es. Und ich lächle dann zurück. Und schon ist für uns beide ein anderes Gefühl da. Ein gutes Gefühl. Und mit dem fahre ich bestimmt viel besser weiter als mit einem schlechten Gefühl.

„Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“

Das wird mein neuer Grundsatz. Mal gucken, ob er abfärbt. Ausprobieren will ich es. Zu allererst im Straßenverkehr und wenn es klappt, dann werde ich es ausweiten: auf mein ganzes Leben.

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