Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Ich wundre mich immer wieder darüber, wie kurze Gespräche oder Begegnungen mir den Tag ruinieren oder auch: den Tag retten können. Da macht mir ein Bekannter am Telefon blöde Vorwürfe – und ich ärgere mich den ganzen restlichen Tag darüber. Und dann läuft mir eine andre Bekannte, die ich lange nicht gesehn hab, mal wieder über den Weg, sie fragt, wie`s mir geht, sagt ein paar nette Worte – und an dem Tag bin ich einfach gut drauf, freu mich des Lebens. Dann stell ich wieder fest: Der Mensch ist doch tatsächlich ein ziemlich soziales Wesen. Meine Stimmung jedenfalls hat viel damit zu tun, wie die Menschen um mich herum mir gerade begegnen. Und selbst kleine Begegnungen können da oft groß wirken.

Ich merk das auch daran, wie ich abends auf den Tag zurückschaue: Meistens sind es gar nicht unbedingt die großen Dinge, die Erfolge oder Misserfolge, die mich bewegen. Sondern auch da wieder: die Menschen, die mir begegnet sind. Ich freu mich noch am Abend darüber, dass ich morgens im Zug wieder den netten Schaffner hatte, der auch mich Morgenmuffel mit einem freundlichen Lächeln auffordert, die Fahrkarte zu zeigen. Oder ich erinnere mich an das Mittagessen mit der Kollegin, das richtig gut getan hat. Und beim Aufstehen morgens geht es mir ähnlich: Auch aus dem Bett komm ich morgens besser, wenn ich weiß: Am Tag erwartet mich eine nette Verabredung oder ein Telefonat mit jemandem, den ich mag.

Der Mensch tut dem Menschen gut. Ich glaube: So hat sich das Gott auch gedacht: Dass wir einander gut tun als Menschen. Im Großen wie auch im ganz Kleinen. Ich nehm mir das deswegen morgens oft vor: Anderen Menschen, wenn‘s geht, mit einem Lächeln zu begegnen im Laufe des Tages – damit sie sich vielleicht auch freuen können über kleine Begegnungen.

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