Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Die Schwelle für abschätzige Bemerkungen über Andere sinkt.
Macht da Widerrede Sinn? Oder besser - einfach Überhören? 

Im Roman »Jugend ohne Gott« von Ödon von Horvath – aus dem Jahr 1938 – ist das die Schlüsselszene: Die Hauptfigur ein Lehrer. Er leidet unter seinen rassistisch-indoktrinierten Schülern. Und sagt sich: „Ich werde mich hüten, ... auch nur die leiseste Kritik zu üben. … Wenns auch weh tut, was vermag der Einzelne gegen Alle? … Ich will mich nicht mehr ärgern.“ (9).

Und dann kann er doch nicht an sich halten.
Als ein Schüler im Aufsatz schreibt: „Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul“, kann er sich bei der Heftausgabe den Kommentar nicht verkneifen: „Auch Neger sind doch Menschen.“

Seine Schüler sind empört.
Dieser eine Satz hebt die eingeübte Trennung vom Hass gegen „die Anderen“ und der Liebe zu „den Eigenen“ auf. Es regt sich mehr als Widerspruch. Dem empörten Vater des Schülers hält er entgegen: „… das steht doch bereits in der Bibel, dass alle Menschen Menschen sind!« Punkt. Aus. Mehr nicht. 

Mich fasziniert – wie einsilbig und klar der Lehrer in Horvaths Roman reagiert.
Als würde es über ihn kommen. Von innen heraus. Ohne jeden Schnörkel.

Aber kann so ein apodiktischer Satz wie „Alle Menschen sind Gottes Ebenbilder“ wirklich etwas bewegen? Im Roman bleiben die Schüler unbeeindruckt davon.

Und doch steht diese eine Wahrheit ausgesprochen - im Raum. 

Ich frage mich das, weil ich ähnliche Erfahrungen kenne:

Jahr für Jahr fahre ich mit Jugendlichen nach Grafeneck.

Hier wurden 1939/40 mehr als 10.000 Menschen ermordet.

Seelisch Erkrankte, körperlich Behinderte.

Ich glaube, im Lauf der Jahre werden meine Impulse und Hinweise immer knapper.

Ein Brief. Ein Gedicht. Ein Bild. Wenige Worte.

Ich will Ihnen mehr Raum und Zeit geben für eigene Empfindungen.

Selber hinschauen, selber nachempfinden.


Manchmal werfe ich mir hinterher vor:

Du hättest besser informieren müssen, mehr über die Verbrecher und ihre Verbrechen aufklären müssen. Im Detail. 

Doch dann merke ich:

Damit die Jugendlichen nicht nur wissen, was damals für Verbrechen passiert sind,

kommt es auf Empathie an – auf Mitgefühl.

Information allein reicht nicht aus, damit in ihnen eine innere Grundhaltung wächst, die sie prägt.

Damit es auch aus ihnen herausplatzen kann - wie aus dem Lehrer in Horvaths Roman.

Darum ist beides so wichtig: Information und Mitgefühl.
Denn klare Kante – entschiedene Widerrede – basiert auf Empathie.

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