Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Schon wieder!“, denke ich mir. Die Blätter fallen, und ich bin stundenlang damit beschäftigt, sie zusammenzurechen. Jedes Jahr das Gleiche. Bald ist schon wieder Weihnachten. Und Silvester. Dann geht das Ganze wieder von vorne los. Jahrein, jahraus. Auch an jedem Tag. Kochen, Texte schreiben, Bad putzen, Nachrichten schauen. Als ob sich das Rad des Lebens um sich selber dreht und nichts wird anders.

Aber das stimmt ja nicht. Zumindest ist es nur die eine Seite. Die Jahreszeiten wiederholen sich, weil die Erde sich einmal pro Jahr um die Sonne dreht. Daraus entsteht ein Kreislauf von Werden und Vergehen. Aber ich, ich bleibe doch nicht derselbe. Ich verändere mich von Jahr zu Jahr. Ständig lerne ich etwas Neues, sammle Erfahrungen. Ich begegne anderen Menschen, lese Bücher, muss mich Herausforderungen stellen, die vorher nicht da waren. Dabei wiederholt sich ganz und gar nichts. Jeder Mensch, den ich beerdige, war einmalig und besonders. Jedes Paar, das ich traue, hat eine andere Liebesgeschichte. In jeder neuen Schulklasse sitzen Jugendliche, die sich von denen davor unterscheiden. Und ich verändere mich mit ihnen. Ich habe im Umgang mit Schülern im Laufe von fast dreißig Jahren einen großen Schatz an Erfahrungen gesammelt. Ich weiß, wie sie ticken, was sie brauchen. Ich merke, dass mir meine Arbeit leichter fällt als früher, weil ich schon vieles kenne, weil mich eher selten etwas aus der Bahn wirft. Ich muss weniger machen. Oft genügt es, dass ich da bin, weil ich als Mensch, als Person für etwas stehe.

Aber noch etwas bleibt nicht gleich. Ich werde mit jedem Herbst älter. Ich bewege mich langsam aber unaufhaltsam auf das Ende meines Lebens zu. Manchmal tun mir meine Beine weh. Ich merke, wie ich mich beim Autofahren stärker konzentrieren muss. Und dass ich manchmal etwas vergesse oder mir ein Name nicht einfällt, den ich immer gewusst hatte. Das fällt mir nicht leicht, aber ich versuche es so gut wie möglich zu akzeptieren, mich dem anzupassen. Ich stelle mir dabei vor, dass mein Leben, die Jahre, die ich habe, dass die auf ein Ziel zulaufen. Dass am Ende nicht ein Kreislauf steht, der sich in sich selbst erschöpft und aus dem ich womöglich einmal rausfliege. Nein, dass ich mit dem Tod ankomme. Bei Gott. Um den sich schon vieles in meinem Leben gedreht hat. Dann aber ganz und gar. Alles. Und endgültig.

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