Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Wenn mich jemand fragt: „Thomas, wem fühlst Du Dich verpflichtet?“, habe ich eine klare Antwort parat: Dem Evangelium. Also dem, was von Jesus überliefert ist. Wie er gedacht und was er gesprochen hat. Vor allem auch: Wie er gelebt und was er getan hat. Das Evangelium ist mehr als der Text, der in der Bibel steht. Da gibt es zwar vier Bücher, die Evangelium heißen - Matthäus, Markus, Lukas, Johannes - aber das, was drinsteckt, geht darüber hinaus. Und vor allem: Es geht immer weiter. Auch heute und morgen lebt das Evangelium, wenn Menschen etwas tun, das im Sinne von Jesus ist. Zum Beispiel darauf zu achten, dass auch die Kleinen und Unauffälligen nicht übersehen werden. Keine Gewalt anzuwenden, mit Taten nicht, und auch nicht mit Worten. Immer und überall darauf zu achten, dass alle Menschen vor Gott gleich sind. Frauen und Männer. Familien und Singles. Verheiratete und Ehelose.

Das Evangelium ist für mich der höchste Maßstab, den ich kenne. Es steht für mich über allen weltlichen Gesetzen und kirchlichen Bestimmungen. Weil sich im Evangelium am deutlichsten das ausdrückt, was Gott von mir will. Von mir und allen Menschen guten Willens. Trotzdem fühle ich mich an das Grundgesetz unseres Landes gebunden und an die staatlichen Gesetze. Klar, ich lebe ja nicht auf einer einsamen Insel, sondern mit vielen zusammen, für die das Evangelium nicht diesen Stellenwert hat. Es kann aber auch vorkommen, dass der Geist Jesu größer ist und mehr verlangt. Etwa, wenn es darum geht, jemandem zu verzeihen, obwohl der was Schlimmes getan hat. Dann muss der Betreffende zwar ins Gefängnis, aber ich behandle ihn trotzdem wie jeden anderen. Oder als die Gemeinde, in der ich lange Pfarrer war, eine kurdische Familie vor der Abschiebung geschützt hat, in einem Kirchenasyl. Ihr Leben wäre in der Türkei bedroht gewesen und deshalb haben wir sie in den Räumen der Kirche aufgenommen. Da stand für uns die Liebe zum Nächsten, dessen Leib und Leben, sogar über dem Buchstaben des Gesetzes.

Evangelium heißt übersetzt etwa: Frohe Botschaft oder gute Nachricht. Was damit ausgedrückt wird, ist nicht auf die Predigt in der Kirche beschränkt. Und auch nicht auf unsere Sendungen hier im Radio. Überall, wo einer einem anderen etwas sagt oder tut, was ihm hilft, ihn heilt, ist das: Evangelium.

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