Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Väter sind mächtige Personen. Meiner hat zu mir oft gesagt: „Du hast zwei linke Hände.“ Es stimmt, dass ich nicht besonders geschickt bin in handwerklichen Dingen. Trotzdem hat mich das Urteil meines Vaters verletzt. Dazu gekommen ist außerdem, dass mein Vater mir nicht gezeigt hat, wie ich’s denn besser machen könnte. Er konnte das alles: Leitungen verlegen, mit der Schlagbohrmaschine hantieren, Reifen wechseln, Kaffeemaschinen richten. Ich konnte dafür anderes: Gedanken zu Papier bringen, eine Rede halten. Ich hatte schon als Kind eine schöne Singstimme. Alles, was mit Worten zu tun hatte, war mein Metier. Schreiben, sprechen. Mein Vater hat das irgendwann gesehen. Ob er allerdings meine Begabungen auch geschätzt hat? Zumindest hat er es höchst selten gezeigt.

Ich habe daraus etwas gelernt. Das hat zwar weh getan, aber ich beherzige es bis heute: Menschen haben unterschiedliche Begabungen. Und: Jeder kann etwas gut, manchmal sogar besonders gut. Es gibt keinen ohne Begabung. Aber scheinbar wird das nicht immer so selbstverständlich akzeptiert. Akademiker zum Beispiel halten sich manchmal für was Besseres. Aus diesem Grund müssen es alle Kinder aufs Gymnasium schaffen, und manche Eltern planen schon bei der Einschulung, dass ihr Kind auch mal eine akademische Karriere machen wird. Auf der anderen Seite fehlen überall Handwerker und Fachkräfte in praktischen Bereichen.

Eigentlich hätten mein Vater und ich uns gut ergänzen können. So unterschiedlich begabt und interessiert wie wir waren. In den Briefen, die Paulus an die ersten Christengemeinden geschrieben hat, spielt das Thema eine große Rolle. Immer wieder weist er darauf hin, dass Gott dem Menschen verschiedene Gaben gegeben hat. Er sagt: Der da kann anderen gut etwas beibringen. Ein anderer hat ein besonderes Gespür dafür, wo es ungerecht zugeht und traut sich den Mund aufzumachen. Wieder von einem anderen geht eine Kraft aus, die Menschen so gut tut, dass sie dadurch aufgebaut werden.[1] Keiner kann alles und niemand nichts. Und erst wenn die verschiedenen Begabungen zusammenwirken, wird etwas Großes daraus.

Darauf kommt es an: Ich sehe, was der andere kann. Ich freue mich darüber. Ich lasse mir helfen, wenn ich etwas brauche, worin der andere gut ist. Und ich stelle ihm mein Talent zur Verfügung. Und wenn ich mit jungen Menschen zu tun haben - in der Schule, in der Nachbarschaft, im Freundeskreis - dann stärke ich sie in dem, was sie gut können. Und lobe sie.

 

[1] Vgl. 1 Kor 12,4-11

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29689