Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Im vergangenen Sommer war ich in der Normandie. Dort sind 1944 die Alliierten gelandet, um Europa von den Nazis zu befreien. Die Erinnerung daran begegnet einem in der Normandie auf Schritt und Tritt. Zumal sich der sogenannte D-Day dieses Jahr zum 75. Mal gejährt hat. Besonders aufgefallen sind mir die Plakate mit den Portraits von Soldaten. Sie hängen das ganze Jahr über in den Dörfern und Städten an den Straßenlaternen und zeigen unmissverständlich: Die Freiheit Frankreichs und von dort aus in ganz Europa ist kein Ereignis, an das man sich nüchtern erinnern kann. Dahinter stehen echte Menschen. Viele, viele junge Männer und Frauen aus den USA, aus Kanada und Großbritannien, die dafür gestorben sind. Viele haben sich freiwillig gemeldet, um für die Freiheit ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Ihre Gesichter zu sehen und mir vorzustellen, welche Hoffnung und was für ein großer Mut sich hinter jedem einzelnen verbirgt, das hat mich berührt und gleichzeitig traurig gemacht.

Etwas anderes aber hat mich noch mehr beeindruckt: Der amerikanische Soldatenfriedhof dort in der Normandie. Ein riesiges Gelände, gepflegt und akkurat, wie ich das nirgends zuvor gesehen hatte. Mit einem direkten Zugang zu Omaha-Beach, einem der Strände, an dem die Nordamerikaner gelandet sind. Und wo bei der Landung besonders viele Soldaten gefallen sind. Auf dem Gelände gibt es ein Museum, eine Kapelle, große Monumente und Gedenktafeln. Vor allem aber: Felder mit Gräbern, die nicht zu enden scheinen. Zehntausende. So weit das Auge reicht. Und auf jedem steht ein Davidsstern oder ein weißes Kreuz aus Marmor, blitzblank. Mit dem Namen des Gefallenen, seinem Dienstgrad und seinem Geburts- und seinem Todesjahr. Jeden Sommer kommen freiwillig junge Leute aus den USA, um die Gräber zu pflegen. Die Ehrfurcht, die dahintersteht, war für mich buchstäblich mit Händen zu greifen. Die nachwachsende Generation in den USA zeigt: Die damals so alt waren wie wir heute haben etwas getan, was Respekt verdient, und was nicht verloren gehen darf. Und wir wollen ihnen wenigstens ein klein bisschen etwas zurückgeben, indem wir ihr Andenken ehren.

Ich werde diese Bilder nicht vergessen. Und zum ersten Mal habe ich richtig verstanden, weshalb der Ort, wo die Toten ruhen, Friedhof heißt. Weil es nicht nur ein Ort ist, an dem wir der Toten gedenken, sondern auch einer, der uns Lebende ermahnt, für Frieden zu sorgen.

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