Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Herr, unser Herr, wie bist du zugegen
und wie unsagbar nah bei uns.
Allzeit bist du um uns in Sorge,
in deiner Liebe birgst du uns.
 

„Herr, unser Herr, wie bist Du zugegen“. Der Titel zum Lied für diesen Sonntag spricht von einem großen Gottvertrauen. Darum muss ich in manchen Situationen erst noch ringen. Ich glaube zwar auch, dass Gott immer bei mir ist. Aber wenn mir dieses Vertrauen schwerfällt, hat der Satz eher ein Fragezeichen: Bist Du wirklich bei mir, Gott? Oder sogar: Wo bist Du, Herr? 

Ich kann mir vorstellen, dass Huub Oosterhuis, der Dichter dieses Liedes, dieses Ringen auch kennt. Huub Oosterhuis stammt aus den Niederlanden. Alle seine Lieder und Gebete, die ich kenne, treffen den Ton der Menschen von heute. Oosterhuis will ja auch bewusst die Menschen ansprechen, die an Gott zweifeln oder mit ihm hadern. Und auch die, die nicht wissen, ob sie überhaupt an einen Gott glauben können. Auch als gläubiger Mensch kenne ich diese Momente, wo ich so ins Zweifeln komme, dass es mir fast den Boden unter den Füßen wegzieht. Wenn ich zum Beispiel bei der Vorsorgeuntersuchung im Wartezimmer sitze und auf das Ergebnis warte. Ich höre dann zwar nicht auf zu glauben, aber ich muss in so einer Situation um mein Gottvertrauen ringen und mir immer wieder selbst sagen, dass Gott bei mir ist.

Du bist nicht fern, denn die zu dir beten,
wissen, daß du uns nicht verläßt.
Du bist so menschlich in unsrer Mitte,
daß du wohl dieses Lied verstehst.
 

Ich nehme an, dass jemand, der solche Texte schreibt wie Oosterhuis, auch Krisen hinter sich hat. Er hat Entscheidungen getroffen, die ihm bestimmt schwergefallen sind. 1970 hat er das Priesteramt aufgegeben und geheiratet. So eine Entscheidung braucht Mut und Gottvertrauen. Ich weiß selbst, dass das Leben nicht nach Plan läuft und einen vor Entscheidungen stellt. Ich habe zum Beispiel bis vor kurzem noch gedacht, dass in meinem Leben und in meinem Beruf jetzt alles so bleiben soll wie es ist. Aber dann hat sich Schritt für Schritt vieles um mich herum verändert: Neue Arbeitsbedingungen, andere Aufgaben, neue Kollegen. Ich habe gemerkt, dass das auch mich verändert und mich zu neuen Herausforderungen treibt. Und dazu muss ich mich entscheiden. Aber dabei habe ich gemerkt: Wenn ich darauf vertraue, dass Gott bei mir ist, gibt es keine falsche oder richtige Entscheidung. Ich verlasse mich darauf, dass Gott mir die Kraft gibt, den Weg zu gestalten, den ich einschlage. Egal, welchen Weg ich wähle, Gott ist in allem tief verborgen und mir mit seiner Kraft zugetan:

Du bist in allem ganz tief verborgen,
was lebt und sich entfalten kann.
Doch in den Menschen willst du wohnen,
mit ganzer Kraft uns zugetan.

Herr, unser Herr, wie bist du zugegen,
wo nur auf Erden Menschen sind.
Bleib gnädig so um uns in Sorge,
bis wir in dir vollkommen sind.

 

Musik: M0472059-018

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