Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Ein Zuhause haben, geschützt und geborgen sein – wer das hat, der hat es gut! Wer aber sein Zuhause verloren hat, wer auf der Flucht ist oder verschleppt wurde – der sehnt sich nach einem Ort, wo er geschützt und geborgen ist, wo es warm und heimelig ist. Und sei es in einer anderen Welt, wenn es in dieser Welt ein Traum bleiben muss.

Immer wieder bekommt diese Sehnsucht Worte, Stimme, wird zu einem Lied (ab hier leise Musiktitel 1 unterlegen). So ein Lied möchte ich Ihnen heute vorstellen. Es ist um 1840 auf einer Baumwollplantage in Oklahoma in den USA entstanden. Der schwarze Sklave Wallace Willis konnte von seiner Arbeit aus in der Ferne einen Fluss sehen. Der Red River in Amerika wurde ihm der biblische Jordan. Und er stellte sich vor, wie ein Wagen vom Himmel kommen und ihn nach Hause holen würde – so wie ein feuriger Wagen am Jordan den Propheten Elia in den Himmel geholt hat.

Armstrong, Louis
Willis, Wallace: Swing Low, Sweet Chariot
aus: Jazz Heritage Series

Swing low, sweet chariot, coming for to carry me home – ein Chariot, ein Streitwagen, soll sich tief vom Himmel herabschwingen, um den Sklaven nach Hause zu tragen. Wallace und seine Frau Minerva haben dieses Lied immer wieder gesungen. Im Laufe der Jahre wurde es eines der bekanntesten Spirituals überhaupt – also eines der geistlichen Lieder, die die afroamerikanischen Sklaven bei ihrer Schufterei sangen. Lieder, in denen sie sich mit dem unterdrückten Volk Israel in den Erzählungen des Alten Testaments identifizierten. In der Bibel ist Gott seinem Volk zur Hilfe gekommen. So wird er es jetzt auch bei den ausgebeuteten Sklaven tun, die ihre Hoffnung auf ihn setzen.

Unzählige Sänger und Sängerinnen haben das Lied in immer neue Situationen hineinsprechen lassen. Alle Sehnsucht nach einer besseren Welt hat in diesem Lied ein Zuhause gefunden. So wurde es für Joan Baez ein gesungenes Gebet für eine Welt ohne Krieg, auf dem Festival von Woodstock, in einer Nacht des Jahres 1969:

Baez, Joan
Willis, Wallace: Swing Low, Sweet Chariot
aus: The essential Joan Baez from the heart - live

Wenn du dort vor mir ankommst, dann sag all meinen Freunden, dass ich auch kommen werde. Wenn der Streitwagen kommt, um auch mich nach Hause zu bringen.
Dieses Zuhause ist für die meisten Menschen immer noch ein Traum. Eine Welt ohne Ausbeutung und Krieg. Eine Welt nach dem Willen Gottes. Wenn ich dieses Lied heute singe, dann stimme ich ein in die Sehnsucht der vielen, die es in den letzten 200 Jahren gesungen haben. In den Chor all der Hoffnungen und Träume.

McKelle, Robin
Willis, Wallace: Swing Low, Sweet Chariot
aus: Melodic Canvas


Ich habe über den Jordan geschaut, und was habe ich gesehen? Eine Truppe von Engeln, eine richtige himmlische Kapelle, ist gekommen, um mich zu holen, um mich nach Hause zu bringen. Ich bin sicher: Gott hört diesen Gesang. Diese Stimme der Sehnsucht. Um jeden einzelnen Menschen geht es dabei. Um jedes Ich, das von seiner Sehnsucht singt. Louis Armstrong betont das ganz stark am Ende: Me, that’s what I’m talking about – um mich geht es hier.

Armstrong, Louis
Willis, Wallace: Swing Low, Sweet Chariot
aus: Jazz Heritage Series

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Musiktitel 1und 4 :
Willis, Wallace: Swing Low, Sweet Chariot
aus: Jazz Heritage Series
Interpret: Armstrong, Louis

Musiktitel 2:
Willis, Wallace: Swing Low, Sweet Chariot
aus: The essential Joan Baez from the heart - live
Interpretin: Baez, Joan

Musiktitel 3:
Willis, Wallace: Swing Low, Sweet Chariot
aus: Melodic Canvas
Interpretin: McKelle, Robin

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