Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Ich trage noch eine Uhr am Handgelenk. Und ich schaue oftmals am Tag, wie spät es ist. Manchmal ganz verstohlen. Manchmal auch sehr bewusst. Ohne Uhr kann ich jedenfalls nicht leben.

Braucht Gott eigentlich eine Uhr? So überraschend diese Frage scheint, so spannend und wichtig finde ich sie. Weil Gott für mich für ein Leben steht, das anderen Gesetzmäßigkeiten unterliegt als das meine. Ein Leben, das mir Spielräume eröffnet und mich zum Atmen kommen lässt.

Übrigens: Zunächst ermöglicht eine Uhr Verlässlichkeit. Ich verabrede mich mit einem Menschen. Und dieser Mensch kann damit rechnen, dass ich zur vereinbarten Zeit an Ort und Stelle bin. Verliebte vergessen die Uhr manchmal, wenn sie zusammen sind. Dass sie sich überhaupt irgendwo zu einem Rendevouz verabreden, haben sie meistens der Uhr zu verdanken.

Auch wenn Gott ganz sicher ohne Uhr auskommt: Das Thema Zeit hat sehr viel mit dem Glauben an Gott zu tun. Einer der für mich eindrücklichsten Sätze der Bibel steht in einem Psalm: „Bei Gott sind Tausend Jahre wie der gestrige Tag“, heißt es da. (Psalm 90,4) Dieser Vers beschreibt ein anderes Zeitmodell als das das durch Sonne und Uhr vorgegebene. Und durchgetaktete. Mein Rechnen in Jahren und Tagen, in Stunden, Minuten und Sekunden ist ein Zeichen meiner menschlichen Begrenztheit. Ich muss mit der mir zugemessenen Spanne zwischen Geburt und Tod verantwortlich umgehen. Sie einteilen. In Zeit für mich. Und Zeit für andere. In Zeit hier. Und Zeit an einem anderen Ort. Mein Leben ist Sein in der Zeit. Zwischen Geburt und Tod.

Gott ist jenseits der Zeit. Gott hat die Zeit ermöglicht. Hat sie geschaffen. Muss sich nicht begrenzen lassen. Wenn ich nicht unter Zeitdruck stehe, wenn ich genügend Zeit habe, für mich und für einen meiner Mitmenschen, entsteht in mir so etwas wie eine Ahnung, was die Grenzenlosigkeit Gottes bedeutet. Im Urlaub kann ich das erleben. Andere erleben das in der Zeit, in der sie nicht mehr so früh aufstehen müssen. Oder einfach großzügig mit ihrer Zeit umgehen können.

Tausend Jahre Zeit habe ich nicht. Aber etwas von dem, was die Bibel über Gott sagt, möchte ich doch auch in meinem Leben spüren. Uhr-frei leben. Wenigstens manchmal. Und mit meiner Zeit auch einmal großzügig und verschwenderisch umgehen.

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