Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Vor ein paar Jahren sind wir mit der Seilbahn hochgefahren – auf den Pic du Midi in den französischen Pyrenäen, 2881m hoch. Schönes Wetter, grandioser Ausblick, ein tolles Erlebnis. In diesem Jahr waren wir wieder da und sind auf den Gipfel gewandert. Da gibt es eine neue Attraktion, eine gläserne Plattform, so dass man quasi im Freien über dem Abgrund steht. Wir wandern los. Was die Seilbahn in ein paar Minuten schafft dauert jetzt drei Stunden. Und der Schlussanstieg hat es echt in sich. Da hätte ich fast aufgegeben, aber eben nur fast. Oben angekommen erwartet uns ein Schild: „Liebe Wanderer. Herzlich Willkommen. Dieser Platz ist für euch. Wenn ihr die ganze Anlage besuchen wollt, klingelt an der Tür. Der Eintritt kostet 20 Euro, Abfahrt mit der Seilbahn inclusiv.“ Ja so was. Wir wollen nicht mit der Bahn fahren, nur eine Toilette und ein kühles Getränk wären schön gewesen. Und natürlich die Glasplattform. Aber so ist das im real existierenden Kapitalismus: wer sich abmüht und schwitzt, der soll zur Belohnung dafür auch noch bezahlen. Geärgert haben wir uns trotzdem nicht. Unsere Belohnung war die Aussicht und die Freude darüber, dass wir es geschafft hatten. Die Freude über die tolle Wanderung, die Drachenflieger, die wir beobachten konnten, die Schneebälle, mit denen wir uns mitten im Sommer beworfen haben, die Begegnung mit den Tieren, die am Weg standen. Wir haben auf die Seilbahn und die Glasplattform gepfiffen, unser Gipfelfoto gemacht und sind so wie wir es geplant hatten auch zu Fuß wieder abgestiegen. Unterwegs denke ich: man kann die Kalenderweisheit: „Der Weg ist das Ziel“ auch anders formulieren: wenn du am Ziel nicht das findest, was du dir vorgestellt hast, dann vergiss vor Enttäuschung nicht die schönen Dinge, die du auf dem Weg gefunden hast. Ist vielleicht nicht die schlechteste Weise, Freude am Leben zu haben.

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