Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Den Nachmittag hatte ich mir anders vorgestellt. Ich wollte meine Eltern im Westerwald besuchen. Kaffee und Kuchen. Dabei das ein oder andere regeln. 

Und dann das: Vollsperrung auf der A3 und ich mitten drin. Kein vor und kein zurück. Nichts geht mehr. Ich bin nun vollkommen ausgebremst.

Ich ärgere mich. Denn eins ist klar: So schnell komme ich hier nicht weiter. Der schöne freie Nachmittag dahin. Mit dem Handy kläre ich, was zu klären ist und dann heißt es: Warten. Akzeptieren, was nicht zu ändern ist und die Dinge geschehen lassen.

Und dann gehe ich ein wenig auf der Autobahn spazieren. Da ist der Vordermann, der die Vollsperrung zur Mittagszeit für ein Nickerchen nutzt. Die junge Frau, mit einem dicken Buch in der Hand, die an der Leitplanke im Schatten sitzt und die nächsten Kapitel verschlingt. Und der nette polnische LKW - Fahrer, der eigentlich gar nicht versteht, was ich sage und doch ahnt, worum ich ihn bitte: Etwas Wasser, damit in der brütenden Hitze mein Kreislauf nicht schlapp macht.

Ja, was zählt, wenn ich im Leben ausgebremst werde. Wenn nichts mehr geht, so wie ich es mir vorgenommen habe.

An diesem Nachmittag lerne ich das ganz neu und ganz konkret mitten auf der Autobahn:

Pause machen und Kraft sammeln, wie der Mann, der ein wenig schläft.

Tun, was trotz allem noch geht. Wenn auch anders als gewohnt. Wie die Frau mit dem Buch im Schatten auf der Autobahn. 

Und vor allem: Sagen, was ich brauche und annehmen, was mir gegeben wird. Und sei es nur ein Schluck Wasser.

So eine Vollsperrung ist nichts Schönes. Zumal sie oft einen schrecklichen Grund hat. Und doch: An diesem Nachmittag lerne ich neu, was zählt und hilft, wenn das Leben mir einen Strich durch die Rechnung macht:

Akzeptieren, was ist und tun, was dennoch geht!

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