Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Alles muss raus.

Dieser Satz ist in meiner Familie in diesem Sommer häufiger gefallen. Das Elternhaus meines Mannes ist nicht mehr bewohnt und muss nun geräumt werden. Was für eine Aufgabe!

Kisten voll Wäsche, Geschirr, Bücher, Akten und vieles mehr. Was da alles zum Vorschein kommt: Das ein oder andere Spielzeug aus Kindertagen, Briefe der Enkel, Mitbringsel aus einem Urlaub, Fotos. So viele Fotos. Das Haus erzählt aus dem Leben der Familie. Wie hier gelebt und gearbeitet wurde, was wichtig und kostbar war, wem sich alle verbunden gefühlt haben.

Ein Haus räumen. Das kann man professionell machen lassen. Entrümpelungsfirmen machen das für einen. Das geht schnell. Da wird nach Material sortiert und entsorgt. Geschaut, was noch irgendwie verhökert werden kann. Ohne große Emotionen. Klare Sache. Aber nicht mein Fall.

Ein Haus räumen. Für mich geht das nicht von heute auf morgen. Das braucht Zeit. Und jede Menge Respekt.

Manchmal frage ich mich: Darf ich das überhaupt anschauen? Ein Arbeitszeugnis aus alten Tagen. Ein Brief von fernen Verwandten. Und was tun, mit den Dingen, die einem schlichtweg nicht gefallen? Der einst liebevoll geknüpfte Teppich, das gute Sonntagsgeschirr, das Bild aus dem Wohnzimmer. Dinge, die mal lieb und teuer waren, aber heute niemand mehr haben will.

Alles muss raus. Manches landet auf der Deponie. Das geht nicht anders. Manches bei der Caritas. Manches in einem anderen Keller, oder an einer neuen Wand. Und das ein oder andere in der Studentenbude der Enkel.

Ein Haus räumen. Das heißt: Erinnern und weiter Abschied nehmen. Und heißt vor allem: Loslassen!

Mir hilft dabei, dass das Wichtigste bleibt: Nämlich all das, was in diesem Haus erlebt wurde. Wie miteinander gesprochen und gestritten, gefeiert und gearbeitet wurde. Wie hier gelebt und letztlich gestorben wurde. Es bleibt, was alle, die in diesem Haus groß und alt geworden sind, verbunden hat: Das Leben, das miteinander geteilt wurde.

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