Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Ich sitze im Zug und warte darauf, dass er abfährt. Ein regnerischer Tag, die Fenster sind beschlagen. Trotzdem sehe ich im Anfahren gerade noch, dass an der Ecke des Bahnhofsgebäudes ein Sprayer am Werk war. In großen Buchstaben steht da schwarz auf schmutziggelb: "Alles so schön hier". Wie? Das kann doch nicht sein, nicht hier, nicht an diesem heruntergekommenen Bahnhof, der seit Jahren geschlossen ist und seither einer neuen Nutzung entgegen rottet. 

Klar, es istSachbeschädigung, Häuser zu besprühen, die einem nicht gehören. Aber diese verwahrloste Fassade kann eigentlich nichts mehr entstellen, und immerhin ist es eine Botschaft, die zweimal hinsehen lässt. Dochwarum gerade diese? Findet der Sprayer wirklich, was er schreibt? Oder meint er es ironisch und will eigentlich sagen, wie hässlich dieses Ambiente doch ist? 

"Alles so schön hier", und das in einer so tristen Umgebung. Dieser Widerspruch hat mich zunächst mal draus gebracht, aus meiner eigenen Wahrnehmung, aus der ganz selbstverständlichen Spur, dieses marode Gebäude  hässlich zu finden. Und es hat mich zugleich erheitert, eine eigenartige Leichtigkeit in diesen grauen, drögen Morgen gebracht. 

Vor allem aber hab ich angefangen, nach Schönem zu suchen und damit zu rechnen, dass ich Schönes finde. "Alles so schön hier", denke ich inzwischen oft, gerade, wenn etwas  mal so gar nicht schön ist, eine Umgebung, oder auch eine Situation, in der ich stecke. Es ist für mich wie ein modernes Psalmwort. Auch die Psalmen der Bibel beschreiben oft einen Kontrast zwischen dem, was gerade sichtbar ist und dem, was darunter liegt, die Grundierung sozusagen. Und diese Grundierung der Welt ist die Schönheit, die Gott in seine Schöpfung hineingelegt hat. Und die blitzt immer wieder durch, oft ganz unvermutet.  Und manchmal bleibt sie auch unentdeckt. 

"Alles so schön hier". Das Graffito vom Bahnhof hat sich mir eingeprägt und streift meine Gedanken immer wieder. Und  manchmal denke ich dann noch weiter und sage: "Danke, Gott. Danke, dass du mir immer wieder zeigst, wie schön deine Welt ist, in und unter all dem, was nicht schön ist und auch nicht gut."  

'Danke' hab ich auch gesagt, als ich vor Tagen beim Warten auf den Zug zwischen den Gleisen noch eine späte Mohnblüte entdeckt habe, die da still vor sich hin blüht, einfach so - und einfach so schön.

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