Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Wenn die Urlaubszeit zu Ende geht, erinnere ich mich jedes Jahr an ein Erlebnis der besonderen Art. Es liegt schon lange zurück, aber es hat sich in mein Gedächtnis eingeprägt wie Weniges sonst. Bei der Rückfahrt aus einem schönen Urlaub am Atlantik wurde uns mal das Auto geklaut. Nach einer längeren Mittagspause war es wie vom Erdboden verschwunden, unauffindbar, einfach weg. Zum Glück hatten wir wenigstens Ausweise und Geldbeutel bei uns. Nach der Prozedur bei der Polizei war's schon spät, und wir fanden ein kleines Hotel zum Übernachten. Die mitfühlende Wirtin half aus, so gut sie konnte, mit einer Probetube Zahnpasta und einer Zahnbürste für drei. Immerhin, besser als keine. Am nächsten Tag die Fahrt nach Hause, im leeren Leihwagen, ganz ohne Gepäck.

Mir war völlig klar, welche Unannehmlichkeiten auf mich zukommen würden. All die Formalitäten gleich nochmals mit der deutschen Polizei, dann mit der Versicherung, der ganze Papierkrieg. Die vielen kleinen Alltagsdinge, die ich neu besorgen musste, Nagelschere, Sportschuhe, Unterwäsche und tausend Kleinigkeiten. Ganz zu schweigen von einem neuen Auto. Das würde viel Zeit brauchen, und richtig viel Geld. Das alles stand mir klar vor Augen. Und trotzdem: Ich war in einer Stimmung, die ich so überhaupt nicht kannte und die ich mir selbst nicht erklären konnte. Ich war ganz seltsam ruhig. In mir war eine Ruhe, die sich so leicht angefühlt hat, ja geradezu heiter. Eine Art von Frieden ohne Sorge um Künftiges, ohne Ansprüche, ohne Bedürfnisse. Leben habe ich da gespürt, einfach nur Leben.

'Leben in Fülle', denke ich heute, wenn ich mich an diese kurze, einzigartige Zeit erinnere. 'Leben in Fülle', so hat Jesus das Leben genannt, das gut ist und ganz, dem nichts fehlt, weil Gott alles gibt, was seine Geschöpfe brauchen – was sie jetzt gerade brauchen. ‚Wunschlos glücklich’, sagt man gern, wenn man es weniger fromm ausdrücken will.

Die vielen Dinge des täglichen Gebrauchs habe ich natürlich wieder nachgekauft, und längst erinnert nichts mehr an den Autoklau. Aber dieses Gefühl, diesen Geschmack von Leben kann ich in meiner Erinnerung immer noch abrufen. Und ich wünsche mir, dass ich in der 'Fülle der Dinge', die ich habe und gebrauche, niemals ganz vergesse, wie die 'Fülle des Lebens' geschmeckt hat.

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