Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

16AUG2019
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Heute, am 16. August, hätte meine Oma Maria Geburtstag. Sie war die Mutter meiner Mutter und ist schon etliche Jahre tot. Aber ich muss immer wieder an sie denken, heute natürlich besonders. Aber auch dann, wenn im Fernsehen oder in der Zeitung um die Flüchtlingspolitik gestritten wird. Meine Oma war Flüchtling. 1945 ist sie mit ihren sechs Kindern aus Oberschlesien geflohen, mitten im Winter, mit ein paar wenigen Habseligkeiten, die Zwillinge waren gerade mal ein halbes Jahr alt. Meine Mutter war 12. Die Geschichten, die meine Mutter von der Flucht erzählt hat, gehören zu mir, zu meinen Kindheitserinnerungen, meiner Biographie. Ich musste nie von irgendwo fliehen, Gott sei Dank. Aber ein bisschen Flüchtlingskind steckt trotzdem in mir.

Wenn ich heute von den Flüchtlingslagern in Griechenland oder in Syrien höre, dann denke ich auch an die Lehmhütten, von denen meine Mutter erzählt hat, in denen sie hausen mussten 1945, mit Ratten und Läusen und vor allem mit riesigem Hunger. Die Kinder haben geklaut, um etwas in den Magen zu kriegen. Ich erinnere mich an Andeutungen, wie schwer es war, sich als Frau auf der Flucht gegen die Männer zu wehren. Und wenn ich heute höre, wie über Flüchtlinge geschimpft wird, dann denke ich auch daran, wie meine Mutter erzählt hat, dass man sie als Oberschlesier nach dem Krieg auch nicht nur freundlich behandelt hat.

Viele Deutsche haben solche Fluchtgeschichten in ihrer Familie. Und auch das Volk Israel hat als fremdes Volk in Ägypten gelebt und musste von dort fliehen. „Ihr selbst seid Fremde gewesen“, heißt es in der Bibel manchmal. Sie erinnert daran, wenn sie sagt: Ihr sollt Flüchtlinge freundlich behandeln, sogar: wie Einheimische. Denn auch in euch steckt doch ein Flüchtling. Ihr könnt euch vorstellen, wie das ist.

Für mich ist das die Botschaft der Bibel – und die Botschaft meiner Familiengeschichte. Wenn ich an meine Oma und an meine Mutter denke, dann weiß ich: Ich will Flüchtlingen mit Freundlichkeit und mit Menschlichkeit begegnen.

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