Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Ein kaltblütiger Mord auf offener Straße. In Stuttgart stehen immer noch viele Menschen unter Schock. Vor allem jene, die entsetzt und wie gelähmt durchs offene Fenster die brutale Tat mitansehen mussten. Einige der Augenzeugen griffen reflexartig nach ihrem Handy und filmten die Bluttat. Minuten später standen die Bilder im Netz, wo sie heute noch kursieren. Ich glaube, keiner von denen würde sich gerne in der Blutlache liegend im Internet begaffen lassen.

Warum halten die drauf, wenn ein Mensch ermordet wird? Ist das Böse schon so banal geworden, dass man es unbedenklich in den Äther postet? Nun ja – Abend für Abend flimmern uns Mord und Totschlag auf allen Kanälen entgegen. Da wächst mit der Zeit Hornhaut auf der Seele.

Empathie und Mitgefühl entwickeln sich vor allem, wenn man Geschichten liest oder als Kind vorgelesen bekommt. Denn Geschichten binden uns in Schicksale ein, machen uns zu Leidensgenossen. Geschichten lassen Zeit, dass die Seele nachkommen und sich Gefühle entfalten können. Man leidet mit Aschenputtel, schlüpft in die Rolle des kleinen Oliver Twist bei Charles Dickens, taucht ein in das Schicksal der Effi Briest bei Fontane.

Auch die Bibel erzählt Geschichten: Unwillkürlich zürnt man mit Mose über sein verstocktes Volk (z.B. Buch Numeri 11), oder freut sich mit der Moabiterin Ruth, dass Boas sie liebt und sie aus ihrer hoffnungslosen Lage befreit (Rut 3 und 4). Dass Jesus am Grab seines Freundes Lazarus weint und ihn das Leid der trauernden Angehörigen nicht kalt lässt, berührt mich zutiefst (Johannesevangelium 11,35).

Gegen die Katastrophen-Funker mit ihren Horror-Filmchen kann man den moralischen Zeigefinger erheben. Sie bekommen es nun auch mit dem Strafrichter zu tun. Doch Moral und Gesetz heilen nicht, was in ihnen seelisch verkümmert ist.

Ob wir nicht alle wieder mehr Gefühl füreinander entwickeln sollten? Wer geduldig zuhört und sachte nachfragt, stößt bei anderen und vielleicht auch bei sich selbst auf verschüttete Emotionen. Plötzlich dringen die eigenen Verwundungen ans Tageslicht, all die Enttäuschungen und Schicksalsschläge, die man einfach verscharren wollte. Und dann fließen die Tränen.
Wer weinen kann über sich und die Welt, hat keine Hand frei, um nach dem Handy zu greifen.    

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