Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Bestürzt registrieren die beiden großen Kirchen, dass ihnen immer mehr Menschen den Rücken kehren. Manche klinken sich wegen der Missbrauchs-Skandale aus. Andere aber fühlen sich von ihrer Kirche schon lange nicht mehr angenommen und verstanden und ziehen daher die Reißleine. Wenn Seelsorge gesellschaftliche Veränderungen nicht wahrnimmt, verhallt ihre Botschaft ungehört.

Das hat vor einhundertfünfzig Jahren ein französischer Abbé dramatisch erfahren müssen: Léon Dehon – heute ist sein Todestag. In der französischen Industriestadt St. Quentin schlug ihm massiv das Elend des Arbeiterproletariats entgegen: Sieben-Tage-Woche, Kinderarbeit, Ausbeutung pur. Der junge Pfarrer fühlte intuitiv: Die herkömmliche Seelsorge erreicht diese Menschen gar nicht. Dehon gründete ein Kinder- und Jugendzentrum, ein Gymnasium und brachte sogar eine Arbeiterzeitung auf den Weg. Vor allem aber kämpfte er politisch für Rechte und Würde der arbeitenden Menschen. „Wir sind nicht für die Sakristei geschaffen“, so seine Devise.

In der Sakristei nimmt man kaum wahr, was draußen in der Gesellschaft vor sich geht. Dass sich viele Menschen abgehängt und vom sozialen Abstieg bedroht fühlen. Sie driften nach rechts, wo sie von Nationalisten, Populisten und Rassisten freudig erwartet werden. Weiß Kirche um die Not der Armen im Lande? Und was tut sie konkret? Sie steht doch für soziale Gerechtigkeit. Tafelläden allein genügen nicht. Es braucht den offenen politischen Kampf um eine neue Verteilung, gerechten Lohn, bezahlbaren Wohnraum.

Gesellschaft verändert sich: Viele, vor allem junge Menschen, verdaddeln ihr Leben in dubiosen Netzwerken und gehen den Datenkraken an den Haken. Ihre Sehnsucht nach Leben aber bleibt oft ungestillt. Kirche steht für persönliche Begegnung, „face to face“. Doch dazu muss man Menschen erst einmal entgegengehen, sie annehmen in ihren Sorgen und sie zusammenführen.

Kirche – das sind die Getauften, die Gefirmten, die Konfirmierten, das sind wir. An uns liegt es, Kirche an vielen Orten neu zu erfinden und im Sinne dieses französischen Priesters Léon Dehon auch zu leben. Dieser Satz gilt als sein Testament: „Gottes letztes Wort ist die Liebe“. 

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