Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Der alte Baum in unserem Garten fehlt mir. In der Mittagshitze des Sommers hatte er mir über Jahre Schatten gespendet. Sein kühlendes Blätterdach hatte die Hitze erträglich gemacht. Hier konnte ich es aushalten. Verweilen. Träumen.

 

Der alte Baum hat die Hitze und die Trockenheit des letzten Sommers nicht ausgehalten. Er ist abgestorben. Ein für alle Mal. Nun fehlt er mir. Genauso wie sein kühlender Schatten.

In den Psalmen der Bibel ist öfter davon die Rede, dass Menschen im Schatten Gottes Ruhe und Geborgenheit findet. „Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!“, heißt es in einem Psalm.

Natürlich hat Gott keine Flügel. Und ob Engel tatsächlich Flügel haben, weiß ich nicht. Aber das Bild verstehe ich sofort: dass unter dem Schatten der Flügel Gottes das Leben erträglich wird. Leichter. Dass ich dort im hitzigen Alltag aufatmen kann. Und gestärkt aus diesem Schatten heraustrete.

Solche Orte brauche ich heute umso mehr, je größer die Reibungshitze im Alltag wird. Im Umgang von Menschen untereinander ist das genauso zu spüren wie in dem, was sich in der Natur beobachten lässt. Es ist diese Anspannung und dieses Gestresstsein, die mir oftmals zu schaffen machen. Und zu denken geben.

Die Menschen der biblischen Welt haben die Orte und die Zeiten gekannt, wo und wann man sich im Schatten regenerieren konnte. Und sie haben zu einem Gott gebetet, der sie nicht immer wieder zu neuen Aktivitäten angetrieben hat.

Sondern der wollte, dass sie immer wieder einmal Abstand nehmen zu sich selbst. Aufhören sollten mit ihrer Geschäftigkeit. Mindestens einmal die Woche. Besser noch auch einmal am Tag.

Um sich selbst von außen zu betrachten. Sich zu fragen: Was tust Du da eigentlich jeden Tag? Wohin soll das führen, wenn du so weiter machst wie bisher? Bedenke, dass dein Leben endlich ist! Und frage dich, welche Spuren du hinterlassen willst!

Schattenplätze sind ungeheuer wichtig in meinem Leben. Je heißer es zugeht, umso wichtiger. Ich will mich dafür einsetzen, dass solche Schattenplätze nicht verloren gehen. Wie die unter einem Baum. Auf einer Parkbank. Oder einer Kapelle am Weg.

Solche Plätze lassen mich erfahren, du bist nicht allein mit dir. Da geht jemand mit, in dessen Schatten du dich aufgehoben fühlen darfst. Der dir die Kraft gibt, die du gerade brauchst.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29221