Manuskripte

SWR3 Gedanken

Ein paar Tage lang wirkt der Platz vor dem kleinen Supermarkt wie verlassen. Der Bettler ist nicht mehr da. Sonst ist er da Tag für Tag gesessen und hat die Leute angeschnorrt oder einfach einen schönen Tag gewünscht. Ob man was gegeben hat oder nicht. Dann plötzlich ist da eine Kerze. So eine in roter Plastikhülle. Wie auf dem Friedhof. Ich gehe näher ran und entdecke das laminierte Plakat. Es ist an die Absperrung geknüpft, vor der Bettler immer gesessen ist. Auf dem Plakat stehen sein Name und sein Geburts- und Sterbedatum. Und ein paar Zeilen, dass ihn viele vermissen.

 

Im Laden frage ich an der Kasse nach, was genau passiert ist. Die Kassiererin erzählt mir: Vor ein paar Tagen ist Dieter – so hieß er – nachts in einem kleinen Bach ertrunken. „Er war immer gut gelaunt“, sagt sie.  „Und zu allen freundlich. Er hat jeden von uns mit Namen gekannt. Eigentlich haben wir zu dem Plakat und der Kerze auch einen kleinen Gipsengel gestellt. Aber den hat wohl jemand geklaut. Das ist doch eine Schande.“

Beeindruckt verstaue ich meine Einkäufe im Rucksack. Die Belegschaft von dem kleinen Supermarkt hat dem Bettler Dieter ein kleines Denkmal gesetzt. Und jetzt weiß sogar ich seinen Namen. Auch wenn der Engel geklaut ist, etwas von Dieter bleibt hier. Vor dem kleinen Rewe mit der Belegschaft, die die Würde der Armen bewahrt.

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