Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Aus meines Herzens Grunde sag ich Dir Lob und Dank

In dieser Morgenstunde und all mein Leben lang

OGott, in deinem Thron, Dir Lob und Preis und Ehre

durch Christus, unsern Herren, dein eingebornen Sohn.

Dieses Lied ist ein richtiger Muntermacher. Mit seinem schwungvollen ¾ Takt lädt es ein, den Tag fröhlich zu beginnen. Und zugleich ist es ein Gebet.

Das spricht mich an. Der Kontakt zu Gott kann unmittelbar entstehen – mitten in meinem Herzen. Dafür ist der Morgen ein guter Moment, wenn ich aufwache und zu mir komme. Manchmal liege ich paar Momente einfach da und spüre meinen Herzschlag. Dass ich lebe, das mache ich nicht selbst. Mein Leben ist mir gegeben. Für mich kommt es letztlich aus Gottes Hand. So wird mein Herzschlag zum Gebet. Weil Gott mir das Leben geschenkt hat, kann ich darauf vertrauen, dass er mich behütet und begleitet. In der vergangenen Nacht und am Tag, der heute vor mir liegt. 

Du hast mich Herr aus Gnaden in der vergangnen Nacht Vor G´fahr und allem Schaden behütet und bewacht. Ich bitt' demütiglich, woll'st mir mein' Sünd' vergeben, Womit in diesem Leben ich hab' erzürnet dich.

In der zweiten Strophe geht der Blick zurück auf die vergangene Nacht. Nacht und Tag, das sind nicht nur Zeitangaben, in ihnen stecken die beiden elementaren Seinsweisen unseres Lebens: Am Tag gestalten wir unser Leben. Wir sehen, was auf uns zukommt, wir planen und agieren.  Doch in der Nacht sind wir dem Dunklen ausgeliefert: den Gefahren, den Ängsten, auch dem Bösen. Davor soll Gott uns behüten. Das ist ein zutiefst menschlicher Wunsch. 

Der Liedtext ist geprägt von seiner Entstehungszeit im 16. Jahrhundert. Eine Zeit voller Spannungen und Kriege, aber auch eine Zeit tiefer Gläubigkeit. Dem Autor – Georg Niege – war eigentlich ein Leben als feinsinniger Gelehrter und Dichter vorbestimmt. Vom Vater humanistisch geprägt und musikalisch gebildet hat er sein Studium in Marburg begonnen. Doch er musste das Studium abbrechen, weil der Vater Schulden hatte. Und in dieser schwierigen Situation hat  Niege den folgenreichen Entschluss gefasst, sich als Söldner anwerben zu lassen. Krasser könnte der Gegensatz zu seinem bisherigen Leben nicht sein. In seinen Lebenserinnerungen beschreibt Niege, dass er sich „begeben zu den Landknechten in ein ruchlos Leben“. Er hat erlebt, wie Soldaten Dörfer abbrannten, Frauen vergewaltigten und eine Spur der Zerstörung hinterließen. 

Die „Sünde, die Gott erzürnet hat“, hat er als zerstörerische Realität erfahren und trotz allem Halt in seinem Glauben gefunden.  „Den frommen Hauptmann" so hat man ihn genannt. Georg Niege hat das Leben in vielen Facetten kennengelernt – mit seinen dunklen und auch den hellen Seiten. Später ist er Schreiber und schließlich Notar geworden, hat geheiratet und eine Familie gegründet.  Und sich um die Armenfürsorge in seiner Stadt gekümmert. 

In der dritten Strophe wird sein Lebensmotto deutlich. Über allem menschlichen Tun steht Gott. Ihm vertraut er alles an.  

Gott will ich lassen raten, denn er all' Ding' vermag

Er segne meine Taten, an diesem neuen Tag Ich hab ihm heimgestellt mein'n Leib, mein' Seel', mein Leben Und was er sonst geben. Er mach's, wie's ihm gefällt.

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