Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen Begegnungen

Janine Knoop-Bauer trifft Erik Flügge, Buchautor und Kirchenkritiker

Politisch religiös oder religiös politisch – auf die Gewichtung kommt es an Erik Flügge von Ruprecht Stempell

Ich treffe den Buchautoren und Chef einer Werbeagentur in Köln. „Ein Unfall!“ sagt er, dass er da gelandet ist. Ein modernes Atelierbüro, offen, gemeinschaftlich, kreativ. An den Wänden Bilder von Werbekampagnen, die er verantwortet hat. Ich sehe überraschend viel Christliches. Bonhoeffer schaut von einem Plakat herab. Dazwischen immer wieder auch Politisches. Für den 33 Jährigen gehört das zusammen:

Man kann glaube ich nicht Christ sein ohne auch politisch zu sein, weil das Christsein radikale Menschlichkeit einfordert.

Erik Flügge ist Katholik. Und nun hat er ein Buch geschrieben für die Protestantische Kirche. Die ist ja oft politisch unterwegs. Bezieht Stellung, mischt sich ein. Aber schießt dabei für seinen Geschmack manchmal übers Ziel hinaus.

ja, da schlagen zwei Herzen in meiner Brust: das eine Herz ist: ich bin selbst ein politisch linker Mensch und ehrlich gesagt finde ich es wunderschön, dass die protestantische Kirche so häufig so starke Positionen vertritt, die ich auch richtig finde…..
dennoch, das andere Herz, das in mir schlägt ist, das sagt, wenn man immer das Politische in den Mittelpunkt rückt, dann hat das Religiöse einfach weniger Platz und das ist für eine Kirche gefährlich.

Als Werbefachmann weiß Flügge: am meisten punktet man mit dem, was man gut kann. Und mit dem, womit man sich gut auskennt. Ich denke: da hat die Kirche ja wirklich ein Pfund mit dem sie wuchern kann: wer sonst hat schließlich die gute Nachricht im Gepäck. Das Evangelium. Wenn ich aber nicht das präsentiere, was mich besonders macht, dann werde ich schnell missverstanden. Erik Flügge beschreibt diese Gefahr so.

Wenn ich als Kirche vor allem dadurch auffalle, dass ich politischer Akteur bin, werde ich auch eingereiht mental unter die politischen Parteien. Und deswegen glaube ich, dass man sich überlegen muss wie man diesen Dialog zwischen dem Politischsein und dem Religiössein neu aufsetzt. Wenn zum ev. Kirchentag die Kanzlerin kommt, dann ist es vielleicht klüger mit der Kanzlerin über Religion zu reden als mit der Kanzlerin über Politik zu reden.

Politisch sein ja, aber mit ganz klarer Kante. Als religiöses Gegenüber mit eigener Botschaft und erkennbarer Herkunft. Das Evangelium kennt keine Parteien, aber ergreift Partei für Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Erik Flügge meint, damit diese Botschaft an den Mann und die Frau kommt, muss sie medial richtig vermittelt werden. Aber:

Wer in unserer heutigen Zeit nicht provoziert, also provoziert durch Polarisierung, der findet medial kaum statt. 

Deswegen hat er Ideen, wie das gehen könnte:  als Kirche zu polarisieren und zu provozieren.

Um die Botschaft zu Gehör zu bringen braucht es starke Sprecherstimmen  

Erik Flügge ist von Haus aus Katholik, aber in seinem neuen Buch richtet er sich vor allem an die protestantische Kirche – als Freund und auch als Helfer, sagt er. Der Werbefachmann fragt sich: wie kommt die evangelische Botschaft am besten zum Adressaten. Die katholische Kirche sagt er, hat da viele Ausspielwege: Glaubenstraditionen, päpstliche Enzykliken, Heilige. Die protestantische Kirche setzt seit Luther alles auf eine Karte: Sola Scriptura heißt die – alleine die Schrift. Aber das hat auch seine Tücken.   

Der Protestantismus hat die Bibel und die Bibel wird mit jedem Jahr älter und sie wird mit jeder gesellschaftlichen Veränderung, die wir machen, unpräziser und weiter weg von unserem heutigen Leben. Sie müssen heute, wenn sie ne Konfirmandengruppe haben erst wenn sie das Gleichnis vom Sauerteig erklären wollen ein Sauerteigbrot mit denen machen, also, Sie müssen Sauerteig ansetzen, Sauerteigbrot machen bevor die überhaupt kapieren was dieses Bild ist, weil die alle zum Bäcker gehen. 

Erik Flügge meint daher: es ist wichtig neue Wege zu finden zu den Menschen: Am besten funktioniert Vermittlung durch Identifikation.

Ich brauche starke Sprecherfiguren, die anerkannter Weise Figuren des Protestantismus sind.

Ich frage mich: wer könnte das sein heute? Wer ist die Stimme des Protestantismus? Mir fallen gleich protestantische Heilige ein: wie Dietrich Bonhoeffer oder Dorothee Sölle. Aber er meint lebende Menschen. Eine Art evangelischen Papst. Da spüre ich Widerwillen: Ist es nicht die große Stärke des Protestantismus gerade ohne Führungsperson auszukommen? Ohne starken Mann oder starke Frau an der Spitze. Aber Erik Flügge will  nicht missverstanden werden.

Ich rufe nicht nach einem Führer. Ein Führer ist eine Person, die rhetorische Autorität kombiniert mit realer Machtumsetzung.

Es geht ihm darum, dass die evangelische Botschaft von glaubwürdigen Menschen in Talkshows, im Internet und anderen medialen Bühnen deutlich überzeugend präsentiert wird. Und auch streitbar. Im Gespräch merke ich auch: bei aller Diskussion um die Präsentation geht es ihm in erster Linie um die Botschaft:

ich fände es um eine solche wuchtige Botschaft wie die Selbsterniedrigung Gottes im Menschsein schade, wenn Sie verloren geht.

Gott wird Mensch! Darum geht es! Da bin ich wieder ganz dabei. Diese unerhörte Botschaft liegt auch mir am Herzen. Und damit sie nicht verloren geht braucht es sicher auch den Mut, neue Wege auszuprobieren. Und sich aus der Reserve locken zu lassen. Das schafft Erik Flügge allemal mit seinen Thesen. Und seine Motivation dazu, die treibt auch mich an:

Warum bleibe ich in der Kirche? Naja, weil ich tatsächlich der Überzeugung bin, dass eine Institution wie die katholische oder die evangelische Kirche tragend ist für die innere Verfasstheit unserer Gesellschaft.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29025

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