Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Alle sind blind. Niemand kann die große Steinfigur sehen. Aber sie können sie ertasten. Vorsichtig gleiten die Finger über den Marmor. So bekommen die Leute einen Eindruck von der Figur der Maria von Magdala. Die Fingerkuppen fahren die Wellen der Haare nach. Dann die Struktur des Gewandes. Das Gesicht wird befühlt.

 Es ist eine Kirchenführung der besonderen Art. Eine „Tastführung“. Das wird in der St. Michael Kirche in München angeboten.

Nicht nur wer blind oder sehbehindert ist darf daran teilnehmen. Mit schwarzen Augenbinden können alle, die sich dafür interessieren, die Kirche ganz neu kennenlernen. Für alle gibt es natürlich auch ehrenamtliche Begleiter die die blinden Personen durch die Kirche führen. Damit niemand stolpert und sich verletzt. Es ist ein faszinierendes Erlebnis.

Ein Teilnehmer, der sich am Ende der Führung die Augenbinde entfernt und die Figur in der großen Kirche sieht sagt: „Wow, das habe ich mir ganz anders vorgestellt.“  

Diese Kirchenführung zum Tasten ähnelt meinem Glauben. Irgendwie muss ich mir Gott vorstellen und ein inneres Bild bekommen. Bibeltexte oder Gottesdienste zum Beispiel lassen mich immer wieder etwas von Gott erspüren. Und so entwickelt sich mein Glaube Stück für Stück weiter. Aber Gott selbst kann ich nie wirklich in der ganzen Fülle sehen oder begreifen. Gott ist größer. Und ich habe immer meine blinden Flecken.

Diese Tast-Führung zeigt mir, dass es wichtig ist, offen zu bleiben für neue Eindrücke im Glauben. 

Immer wieder gibt es ja auch die Momente, in denen mir im übertragenen Sinne die Augen aufgehen. Zum Beispiel in der Bibel und im Gottesdienst. Wenn mich eine Bibelstelle ganz neu anspricht. Und ich etwas im Glauben begreife für das ich vorher blind war. Manchmal erkenne ich auch durch Menschen, die mich begleiten etwas Neues im Glauben.

Mir persönlich hilft auch die Kunst meinen Glauben weiterzuentwickeln. Zum Beispiel als ich vor einigen Wochen das Bild „Maria der Verkündigung“ des Renaissance-Malers Antonello da Messina gesehen habe. Maria sieht gelassen und ruhig aus. Eine selbstbewusste junge Frau. Wenn ich ihr Gesicht anschaue, dann kommt mir die Mutter Jesu plötzlich ganz nahe. 

Das ist das Schöne an meinem Glauben: er lässt sich mit allen Sinnen wahrnehmen und entwickeln. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29012