Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

In England gibt es seit einem Jahr ein Ministerium für Einsamkeit. Millionen Menschen sollen sich in England häufig oder immer einsam fühlen. In Deutschland sieht es nicht besser aus. Hier wie dort wollen Politiker Strategien entwickeln, um etwas dagegen zu unternehmen.

Menschen vereinsamen, wenn sie einen geliebten Menschen verloren haben und die Trauer nicht aufhören will. Wenn sie körperlich schwächer werden und kaum noch das Haus verlassen können oder wollen. Der eine verliert seinen Job, eine andere trennt sich von ihrem Partner – wer sich dann zurückzieht, verliert häufig den Kontakt zu seinem Umfeld. Einsame Menschen haben niemanden mehr, der ihnen zuhört und mit dem sie sich austauschen können. Ein kurzer Anruf zum Geburtstag ist auf Dauer zu wenig, um sich mit anderen verbunden zu fühlen.

Wir Menschen sind soziale Wesen. Um gesund und glücklich zu leben, brauchen wir einander. Ich finde es gut, wenn die Politiker das Thema ernst nehmen. Denn wenn es nur um das Wirtschaftswachstum geht, gerät schnell aus dem Blick, wie sich dadurch das Leben der Menschen verändert. Da veröden die kleinen Dörfer, weil der Bahnhof und die Schule geschlossen wurden – rechnet sich alles nicht mehr. In den Städten geht es um Investoren und die Gewerbesteuer, statt um Orte, wo sich Menschen einfach begegnen und treffen können. Und jeder soll möglichst flexibel arbeiten und den Jobs hinterher ziehen. Das sind viele kleine Bausteine, die Menschen einsamer werden lassen.

Auf die Politik allein würde ich das Problem trotzdem nicht schieben. Es gibt viele Gruppen und Vereine, die hier richtig gute Arbeit leisten. Ich gebe auch die Hoffnung nicht auf, dass die Kirchen hier eine wichtige Rolle spielen können. Denn Christen feiern eine besondere Art der Gemeinschaft: egal ob reich oder arm, jung oder alt. Ich erfahre es immer wieder, dass ich mich in einem Gottesdienst stark mit anderen verbunden fühle. Gemeinsam zu beten, zu singen oder zu schweigen – da steckt viel Kraft drin. Andere erleben so etwas vielleicht im Fußballstadion oder bei einem Konzert.

Ich kann mich einsam fühlen, obwohl ich jeden Tag viele Menschen sehe. Es braucht mehr: Es braucht Orte, an denen ich mit anderen etwas erlebe, etwas feiern kann. Diese Orte können ein Verein sein, eine Kirche oder ein Familienfest. Diese Orte müssen wir stärken, da sind wir alle gefragt. Damit wir nicht einsam nebeneinander her leben. Sondern gemeinsam und miteinander.

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