Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Der Sommer ist die Jahreszeit, in der ich mich lebendiger als sonst fühle. Die Natur, die Gärten und Parks strotzen vor Leben und davon lasse ich mich gerne anstecken. Schon wenn ich morgens zur Arbeit fahre und die Natur wahrnehme, die erwacht; aber auch am Abend, wenn die Zeit noch für einen Spaziergang im Park reicht oder ich nur für ein paar Minuten auf dem Balkon sitze: Es grünt und blüht, wo man nur hinschaut, und die Luft riecht würzig nach gemähtem Gras oder nach Lindenblüten. Seit ich das bewusster wahrnehme, ist es so, als ob die Natur mir etwas von ihrer Lebenskraft abgibt. Das hilft mir natürlich besonders dann, wenn ich noch über Probleme grüble oder gedanklich in der Zukunft hänge. Das Grün der Blätter holt mich dann in die Gegenwart zurück und führt mir die Kraft des Lebens vor Augen. 

Viele Künstler scheinen diese Erfahrung zu kennen. Mozart verbrachte ganze Tage im Wiener Augarten und hat sich erst gegen Abend ans Komponieren gemacht, Mahler und Strauss haben sich zum Arbeiten in die Berge zurückgezogen. 

Auch bei den Künstlern des Mittelalters spielt die Natur und der Garten eine große Rolle. Da gibt es das Motiv des „hortus conclusus“, des geschlossenen oder verschlossenen Gartens. Auf den Bildern dazu sind innerhalb eines Zauns Pflanzen und Tiere zu sehen, die friedlich beieinander sind. In der Mitte sitzt meist Maria. Mitten in diesem Garten kommt Gott zu ihr. Dass sich das hinter einem Zaun abspielt, in der Umzäunung eines geschlossenen Gartens, ist hierbei wichtig. Es steht dafür, dass das Entscheidende im Innern des Menschen stattfindet. Äußerlich betrachtet sitzt Maria auf diesen Bildern in der Natur, aber die Blüten, das Grün und die Tiere um sie herum sind Sinnbilder für das Leben, das in ihr geboren wird, wenn Gott zu ihr kommt. 

Für mich heißt das, dass ich mich in diesen schönen Sommermomenten nicht nur äußerlich an der Natur freue. Sondern dass ich mein Inneres öffne und so auch in mir eine Art inneren Garten ausbilde, in dem Raum für Gott ist. 

Der Sommer wird vorbeigehen. Und wenn ich dann traurige oder sorgenvolle Tage durchlebe, kann ich mich in diesen inneren Garten zurückziehen – unabhängig, welche Jahreszeit draußen gerade ist. Ein schöner Sommermorgen ist eine Gelegenheit für mich damit anzufangen. Auf dem Weg zur Arbeit, in der Mittagspause oder am Feierabend.

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