Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Manchmal neige ich zum „Besserwissen“. Dann erklär ich anderen die Welt selbstbewusst und meinungsstark. Insofern bin ich aber selbst Teil des Problems. Das wir, glaube ich, in unserer Gesellschaft zurzeit haben. Viele haben ihre feste Meinung und wollen diese verbreiten und durchsetzen. „Ich will Recht haben“, hat vor kurzem eine Frau zu mir entwaffnend ehrlich gesagt.

Aber was, wenn viele von uns so aufeinander losgehen? Das führt zum Unfrieden in unserer Gesellschaft. Rechthaben müssen polarisiert, Menschen werden einem plötzlich fremd.

Wie könnte ich es anders machen? Aus verschiedenen Meinungen kann ja auch ein Gespräch werden. Könnte es nicht sein, dass jeder einen Teil der Wahrheit hat? Wenn man sie austauscht, dann erkennt man mehr.

Schönes Wort: Aus-tauschen. Klingt wie ein Versprechen. Wer mit anderen was tauscht, steht hinterher besser da als zuvor.

Erinnern Sie sich? Was haben wir als Kinder nicht alles getauscht? Tausche ma? Hat man in der Klasse gefragt. Wenn man Fußballerbilder doppelt gehabt hat. Nur mit Tauschen hat man das eigene Album vollgekriegt. Selbst was geben und was Anderes dafür bekommen. Oder Glasmurmeln haben wir getauscht, damit man von jeder Farbe eine hat und nicht drei blaue und keine grüne. Tauschen wir?

Was haben wir davon, wenn wir Meinungen austauschen? Austauschen, was wir denken und glauben vom Leben, von der Zukunft, von dem was schön ist und gut und wichtig.

Mehr Wahrheit könnten wir bekommen. Vom anderen vielleicht auch mehr kapieren.

Aber wie kriege ich das hin? Ich muss wohl den Besserwisser in mir zähmen. Und viele andere auch. Wenn ich als Besserwisser in den Meinungsaustausch gehe, gibt es keine Begegnung, dann rede ich von oben runter auf den anderen ein oder nur noch gegen sie an.

Meinungen austauschen, dafür muss ich mich interessieren für den anderen. Hinhören. Nicht nur denken, ich weiß es besser. Meinungen austauschen geht nur, wenn ich zumindest für einige Zeit meine zurückhalte, Und erst mal denke, der andere könnte auch recht haben. Sogar wenn mir seine Meinung querliegt.

Wenn man wie ich zum meinungsstarken Besserwissen neigt, vielleicht hilft es, sich an Paulus zu erinnern. „Was wir als Menschen erkennen, meint Paulus, sind Bruchstücke. In diesem Leben erkennen wir alles wie durch einen Zerrspiegel. Erst später – bei Gott- werden wir alles vollständig erkennen.“ Darum brauch ich den Austausch mit anderen. Seinen Teil der Wahrheit sozusagen.

 

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