Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Ich glaub, ich bin verrückt!“ Das sagen mir in der Trauerbegleitung ganz viele Leute. Wer nämlich in die Trauer gefallen ist, weil er einen lieben Menschen verloren hat, für den ist erst einmal alles nicht mehr, wie es war.

 

Alles ist neben der Spur, weit weg gerückt von dem ausgewogenen, unspektakulären selbstverständlichen Leben. Und weil Trauer nichts anderes als Liebe ist, trauern vor allem die Menschen besonders intensiv, die ganz viel geliebt haben.

Und liebevolle Trauer ist Schwerstarbeit und kommt auf ganz verrückte Ideen. Da deckt jemand jeden Morgen den Frühstückstisch für den Verstorbenen mit. Sein Platz ist zwar leer, aber er wird freigehalten und er kann jederzeit herein kommen und sich dahin setzen. An den gedeckten Tisch.

Da sieht jemand die verstorbene Partnerin jeden Abend wenns dunkel wird draußen auf der Terrasse stehen.  Nur ganz kurz. Aber ganz wirklich und doch unnahbar.

Da schläft jemand jede Nacht im Schlafanzug des Partners, nur um sich ihm ganz nahe zu fühlen. Und wenn das alles andere sehen oder erfahren, dann schütteln sie womöglich nur mit dem Kopf.

„Meine Kinder haben mich im Mantel meines Mannes angetroffen und gesagt: Mama, du bist ja verrückt!“ Bin ich denn verrückt? Ja! sage ich. Das sind sie. Wer trauert wird leicht verrückt. Ist nicht mehr ganz ganz. Weil nichts mehr normal ist. Wie sollte er es dann sein. Die Normalität ist vorerst verloren gegangen. Bis auf Weiteres nichts Heiteres.

In einem Gebet für Trauende heißt es:
„Gesegnet seien alle, die mich nicht ändern wollen, sondern geduldig so nehmen, wie ich jetzt bin, verrückt vor lauter Trauer.
Gesegnet seien alle, die mich ertragen, weil sie wissen, dass nichts mehr ist, wie es war.
Gesegnet seien alle, die mir zeigen, dass Gott mich nicht verlassen hat.

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