Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Jesus kann auch ganz schön verrückt sein. Nicht nur brav und liebevoll. Nicht nur der Retter und Helfer in der Not. Manchmal rastet er auch aus. Zornentbrannt und schier aus dem Häuschen ist er jedenfalls, als er eines Tages sieht, was im Tempel zu Jerusalem abgeht.

Da haben sich nämlich Geldwechsler und Händler breit gemacht. Souvenir und Gier. Der Tempel ist zur Shoppingmeile umfunktioniert. Die Geschäftsidee ist so clever wie erfolgreich. Zum Tempel kommen ganz viele Leute. Er ist der Durchlauferhitzer der ganzen Stadt.

Und wenn man sich da günstig platziert, können die Leute im Vorübergehen einkaufen. Womöglich wollen sie auch was opfern und es fehlen ihnen noch die nötigen Utensilien. Kult und Konsum küssen sich gerne. Damals wie heute.

Gebet und Geld, Mammon und Sermon, Klingelbeutel in Variationen. Da wird Jesus verrückt. „Dies Haus soll ein Bethaus sein! und Ihr habt eine Räuberhöhle draus gemacht!“ schreit er, brüllt er lauthals im heiligen Zorn. Und dann wirft er die Verkaufsstände um, reißt alles nieder und treibt die Händler zum Tempel hinaus.

Da ist eine Grenze überschritten, wenns in der Kirche nur noch ums Geld geht. Da wird man gottlos, wenn das große Los angeboten wird im Vorhof des Heiligen. Lotterie und Liturgie gehen nicht zusammen.

Gesangbuch und Sparbuch sind nicht dasselbe. Geschäft gehört nicht unters Kirchendach. Dort wohnt ein anderer Geist, hoffentlich. Der verkaufsoffene Sonntag ist mir suspekt. Gewinnoptimierung und Umsatzsteigerung können doch nicht Teil des Gottesdienstes sein.

Jesus wird bis heute verrückt, glaube ich, wenn er sich unsere Tempelkultur ansieht. Wenn er uns immerzu reden hört von Mitgliederschwund und Rückgang der Kirchensteuer. Tempelreinigung ist womöglich dran, würde er sagen. Und dann würde er gerne mal wieder umwerfend und verrückt sein, bis wir was merken und verstehen.

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