Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Als Christ muss man auch ein bisschen verrückt sein. Ohne dieses Talent wird man nur schwer klar kommen mit diesem Glauben. Aber das macht die Sache ja auch so interessant.

 

Im Grunde machen wir doch auch immer dann verrückte Sachen, wenn wir uns so richtig spüren und wundern. Und spüren und wundern, das ist Leben pur. Und Leben pur ist wunderbar.

So wie diese verrückte Geschichte von den 99 Schafen. Jesus will ja erklären, wie Gott ist. Wie anders, wie sonderbar. Und damit die Leute eine Ahnung davon kriegen, was er meint, erklärt er es mit kurzen Geschichten. Zum Beispiel so:
Einer hat 100 Schafe. Das ist eine schöne Herde. Das gehört zur alltäglichen Kulisse der damaligen Zeit. 100 Schafe zusammen zu halten, das ist gar nicht so leicht.
Zumal es immer auch schwarze gibt. Und jetzt, sagt Jesus, geht von den 100 tatsächlich 1 verloren. Das kommt vor. Ein bisschen Schwund ist immer. Aber 99 sind ja noch da. Kein Grund zur Panik also.

99 Schafe, das ist eine schöne Zahl. Verrückt nur, dass Jesus nun sagt, der Hirte würde nun die 99 sich selbst überlassen und sich auf die Suche nach dem einen Einzigen machen. Das Kopfschütteln und ähnliche Gesten der Verwunderung sind ihm gewiss. Denn so viel steht fest:

Kein Mensch, keiner jedenfalls, der sich ernsthaft ein Hirte nennt, würde so etwas Verrücktes machen. Das ist weder verantwortungsbewusst noch sachlich angemessen. Das kann nur jemand sagen, der keine Ahnung hat von Ackerbau und Viehzucht. Mag sein.

Jesus ist ja auch Zimmermann gewesen. Und er will ja auch keine neue Anleitung für Schäfersleute installieren. Er will nur sagen: So ist Gott. So verrückt. Ihm geht es um den Einzelnen. Er schreibt kein einziges seiner Schäfchen ab. Und die, die ihm weglaufen, die mag er besonders. Dass sich keiner wundert: Er will Hundert!

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