Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Heute früh, seit sechs oder sieben Uhr, ist an manchen Orten schon recht viel los. Fleißige Hände bauen im Freien Altäre auf und legen davor farbenfrohe Teppiche mit den Blüten von Blumen. Darauf sind biblische Motive zu sehen: zum Beispiel Brot in einer Schale, oder ein Kelch, gefüllt mit Wein. All dies prägt das Fest Fronleichnam, das ich nicht missen will im Kirchenjahr. Eigentlich war es schon am vergangenen Donnerstag. An vielen Orten aber feiern katholische Gemeinden es erst heute, so auch in dem kleinen Schwarzwalddorf, in dem ich wohne. Und mit dazu gehört Mozarts Chorstück „Ave verum corpus“, die berühmteste Fronleichnamsmusik aller Zeiten.

Musik 1 –
W. A. Mozart: „Ave verum corpus“ (Beginn)
Ave verum corpus natum
de Maria virgine …

Sei gegrüßt, wahrer Leib,
den die Jungfrau Maria geboren hat …

Das Wort „Fronleichnam“ stammt aus dem Mittelhochdeutschen und heißt wörtlich übersetzt: lebendiger, herrlicher, wahrer Leib. Nichts Totes also, sondern das pralle Leben. Gern würde ich eine Fronleichnams-Zeitreise unternehmen. Mein Ziel wäre die Uraufführung von Mozarts Fronleichnamsmusik im Jahr 1791 in der Kirche St. Stephan im kleinen Kurort Baden, südlich von Wien. Für diesen dörflichen Kirchenchor hat Mozart das mittelalterliche Gebet „Ave verum corpus“ – „Wahrer Leib, o sei gegrüßet“ – in verhaltene, ja ehrfürchtige Töne gefasst. Welche feierliche Stimmung hat damals die Uraufführung geprägt? Bestimmt war Weihrauch zu riechen und die Schellen der Ministranten waren zu hören, vielleicht auch das Geläut der Glocken. Und die Gemeinde hat gewiss gekniet, als Mozarts musikalischer Gruß an die Hostie erklungen ist, in der uns Christus begegnet.

Musik 2 –
„Ave verum corpus“ mit Vienna chamber ensemble (instrumentale Version),

dazu die freie Übertragung ins Deutsche:

 „Ave verum corpus“ – Sei gegrüßt, wahrer Leib,
den die Jungfrau Maria geboren hat,
sei gegrüßt, du Leib, der gelitten hat und
am Kreuz gestorben ist für uns Menschen.
Leib, am Kreuz mit einer Lanze durchbohrt,
so dass Wasser aus der Seitenwunde floss und Blut;
Leib, an den die kostbare Hostie uns heute erinnert,
Brot, das uns stärken will, auch am Ende des Lebens,
in der Prüfung des Todes – „in mortis examine“.

In dieser Musik höre ich den Sinn für das Kostbare. Kostbar ist der „Leib des Herrn“, den Mozart hier so innig begrüßt. Kostbar sind Leib und Leben jedes Menschen, auch das unausweichliche Sterben, das in den letzten Takten der Musik so ausdrucksvoll anklingt. Ein halbes Jahr vor seinem eigenen frühen Tod vereint Mozart hier Lebenslust und Sterbekunst. So wie das Fest Fronleichnam die Erinnerung an Jesu Leiden, an seinen Tod und seine Auferstehung, mit den hellen Farben des Sommers malt.

Musik 3 –
W. A. Mozart: „Ave verum corpus“ (Schluss)
 … esto nobis praegustatum in mortis examine.

… sei uns ein Vorgeschmack (auf das himmlische Gastmahl)
in der Prüfung des Todes.

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Wolfgang Amadeus Mozart: „Ave verum corpus“ KV 618
(eine deutsche Übertragung des Textes im Gotteslob, Eigenteil Freiburg/Rottenburg Nr. 877)

Quellen:       

CD W. A. Mozart. Requiem und Ave verum corpus. Chor des Bayerischen Rundfunks und Münchener Kammerochester. Leitung: Alexander Liebreich.
SWR-Archiv. W. A. Mozart. Ave verum corpus. The Vienna chamber ensemble.

 

 

 

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