Manuskripte

SWR3 Gedanken

Ein Blaukehlchen ist 1,5 Cent wert. Nicht in der Tierhandlung, sondern wenn man seine Einzelteile zu Geld machen würde. Sein Fleisch, sein Blut und seine Federn, das Skelett: Materialwert insgesamt gerade mal 1,5 Cent. Ist ja auch nicht viel dran an so einem kleinen Vogel. Ich frage mich, was ich wohl wert bin und finde verschiedene Zahlen im Internet: Alles zwischen 10 Euro und mehreren Millionen, je nachdem wie gerechnet wird oder wie schwer ich zum Beispiel bin.

Bei diesen Berechnungen kriege ich aber ein mulmiges Gefühl. Ich glaube das Gefühl kommt daher, dass diese Zahlen gar nichts darüber aussagen, wer ich bin. Alles, was mich tatsächlich ausmacht, bleibt außen vor: was ich erlebt habe und wovon ich träume; wer mir wichtig ist und woran mein Herz hängt; einfach alles, was mich zu dem macht, der ich bin.

Dieses mulmige Gefühl kommt mir auch hin und wieder wenn über Migration diskutiert wird. Wenn es darum geht, dass einige der geflüchteten Menschen gut ausgebildet sind und wir hier dringend Fachkräfte brauchen. Als wären sie nur wertvoll, weil sie ihre Arbeitskraft oder gesuchtes Know-How mitbringen. Aber nicht, weil sie Menschen sind.

Ich bin überzeugt, jeder Mensch ist wertvoll, egal wie produktiv er ist oder was sie kann. Ich bin dankbar wenn mir bei solchen Rechnungen ein bisschen unwohl wird. Das zeigt mir: Was einen Menschen wertvoll macht, kann ich nicht in Zahlen angeben. Manchmal kann ich es nicht einmal in Worte fassen. Ich weiß es einfach. Und das gilt auch für das Blaukehlchen.

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